• Aus meinem Lesetagebuch

    Der Ort, an dem die Reise endet

    Buchrezension: Yvonne Adhiambo Owuor – Der Ort, an dem die Reise endet „Nach Mboya waren die offiziellen Landessprachen Englisch, Swahili und Schweigen.“ Kenia 2007: Als Odidi Oganda, ein hochtalentierter Studierender unter ungeklärten Umständen auf den Straßen Nairobis erschossen wird, kehrt seine Schwester Ajany aus Brasilien nach Kenia zurück. Sie bringt seinen Leichnam nach Wuoth Ogik, dem abgelegenen Familiensitz im Norden des Landes. Dort wartet nicht nur eine trauernde Familie auf sie, sondern eine Vergangenheit, über die jahrzehntelang geschwiegen wurde. „Schwüre der Stille, ein langsam wirkendes Gift mit dem verführerischen Versprechen des Vergessens.“ Denn die Heimkehr öffnet Wunden, die nie verheilt waren. In Rückblenden entfaltet Owuor die Geschichte einer Familie, die…

  • Aus meinem Lesetagebuch

    Märtyrer

    Buchrezension: Kaveh Akbar – Märtyrer Cyrus ist Sohn iranischer Einwanderer, Dichter, Ex-Junkie und trockener Alkoholiker, der in der Vergangenheit keine Gelegenheit zur vergeblichen Nüchternheit ausgelassen hat. Er ist besessen von der Idee des Todes, genauer von der Frage, ob ein Tod Bedeutung haben kann und damit vielleicht auch ein Leben. In diesem Sinne fühlt er sich den Märtyrern nah, denn er hat seine Mutter früh verloren, als das Flugzeug abstürzte, in dem sie saß. Die Lücke der Mutter kann vom braven Vater nicht gefüllt werden, der sich im wahrsten Sinne des Wortes kaputt arbeitet für den Sohn. Also füllt der Filius das, was fehlt, mit den Substanzen. „Diese Drogen waren…

  • Aus meinem Lesetagebuch

    Wir die Überlebenden

    Buchrezension: Tash Aw – Wir die Überlebenden „Bloß kann ich manchmal nicht anders, als darüber nachzudenken, ob es wirklich mein Schicksal war, ich zu sein.“ „Vielleicht wäre ich dann Sie geworden.Das war nur ein Witz. Natürlich hätte ich niemals Sie sein können.“ Ah Hock, ein chinesischstämmiger Malaysier kommt wegen Mordes ins Gefängnis. Nach seiner Entlassung erzählt er der Soziologiestudentin Su-Min, seine Lebensgeschichte: von einer Kindheit in Armut im ländlichen Malaysia, von Plantagen, Fabriken und anderen Arbeiten, die Körper verschleißen, ohne je ein wirkliches Vorwärtskommen zu ermöglichen, von Freundschaft und Gewalt und wie es schließlich zu dem Mord kommen konnte. Diese Erzählkonstellation ist bereits das erste große Kunststück des Romans: Su-Min,…

  • Aus meinem Lesetagebuch

    Wie schön wir waren

    Buchrezension: Imbolo Mbue – Wie schön wir waren „Mamas und Papas Ermahnung, nie auch nur in die Nähe des großen Flusses zu gehen, ist meine allererste Erinnerung. Wie hätte ich ohne ihre Warnung wissen können, dass Flüsse normalerweise nicht mit Öl und Giftmüll überzogen sind?“ Kosawa, ein fiktives Dorf in Westafrika: Seit der amerikanische Ölkonzern Pexton hier nach Öl bohrt, sind Wasser und Böden vergiftet, die Luft verpestet, immer mehr Kinder sterben. Der Konzern verspricht Entschädigung und Besserung, die korrupte Regierung schützt ihn. Und für die Menschen im Dorf ändert sich nichts, bis sie beschließen, sich zu wehren. Im Zentrum steht Thula, die als junges Mädchen erlebt, was dieser Kampf…

  • Aus meinem Lesetagebuch

    Mein Jahr der Ruhe und Entspannung

    Buchrezension: Ottessa Moshfegh – Mein Jahr der Ruhe und Entspannung „So wusste ich, dass der Schlaf Wirkung zeigte: Ich hing immer weniger am Leben. Wenn ich so weitermachte, dachte ich, würde ich völlig verschwinden und in neuer Form wiederauftauchen. Das war meine Hoffnung, das war mein Traum.“ New York, kurz vor 9/11. Die namenlose Erzählerin ist jung, schön, wohlhabend – und fest entschlossen, ein Jahr ihres Lebens zu verschlafen. Eine grotesk inkompetente Psychiaterin versorgt sie bereitwillig mit immer neuen Medikamenten, bis aus einzelnen Tagen im Bett schließlich der Versuch wird, das eigene Leben nahezu vollständig auszuschalten. Doch hinter ihrer demonstrativen Bedürfnislosigkeit verbirgt sich eine andere Geschichte. Beide Eltern sind tot,…

  • Aus meinem Lesetagebuch

    Kleine Schwächen

    Aus meinem Lesetagebuch: Megan Nolan – Kleine Schwächen „Ein angespanntes Verhältnis zur Stiefmutter und ein abweisender, arbeitsloser Vater bildeten keine solide Basis für die These von der Entrinnbarkeit des Bösen.“ Im London der 1990er-Jahre wird die zehnjährige Lucy Green beschuldigt, ein dreijähriges Mädchen getötet zu haben. Noch bevor klar ist, was tatsächlich geschehen ist, hat die Öffentlichkeit ihr Urteil gefällt. Lucy stammt aus einer irischen Arbeiterfamilie und bietet damit der britischen Boulevardpresse die perfekte Projektionsfläche, um aus Ressentiments gegenüber Herkunft, Armut und familiärem Scheitern eine Geschichte über Verwahrlosung und das vermeintlich Böse zu konstruieren. Die junge irische Autorin Megan Nolan spielt mit diesen Klischees, statt sie zu bedienen. Behutsam legt…

  • Aus meinem Lesetagebuch

    Die letzte Patientin

    Buchrezension: Ulrike Edschmid – Die letzte Patientin „Sie könne um die ganze Welt reisen, aber die Erlösung von einer Bürde aus der Vergangenheit, unter der sie sich nie aufgerichtet habe, komme nur aus ihr selbst. Äußerlich lasse sich das Leben meistern, aber innerlich trete sie nur auf der Stelle, statt einen Schritt nach vorne zu tun und sich loszusagen von der Düsternis.“ „Die letzte Patientin“ erzählt die Geschichte einer Psychotherapeutin, die ihr Leben lang versucht hat, den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit zu entkommen. Doch was sich tief im Inneren festgeschrieben hat, lässt sich nunmal nicht überlisten. Im Sinne des Freudschen Wiederholungszwangs kehrt es in immer neuen Variationen zurück. Erst in…

  • Aus meinem Lesetagebuch

    Die gleißende Welt

    Buchrezension: Siri Hustvedt – Die gleißende Welt „Alle intellektuellen und künstlerischen Unterfangen, sogar Witze, ironische Bemerkungen und Parodien, schneiden in der Meinung der Menge besser ab, wenn die Menge weiß, dass sie hinter dem großen Werk oder dem großen Schwindel einen Schwanz und ein Paar Eier ausmachen kann.“ Die gleißende Welt von Siri Hustvedt erzählt die Geschichte der fiktiven New Yorker Künstlerin Harriet Burden, die ihr Leben lang gegen die Unsichtbarkeit weiblicher Kunst ankämpft. Nachdem sie jahrzehntelang erlebt hat, wie ihre Arbeiten belächelt, übersehen oder ihrem berühmten Ehemann zugeschrieben wurden, wagt sie nach dessen Tod ein ebenso brillantes wie radikales Experiment: Drei männliche Künstler präsentieren ihre Arbeiten als die eigenen.…

  • Aus meinem Lesetagebuch

    Thirteen Ways to Kill Lulabelle Rock

    Buchrezension: Maud Woolf – Thirteen Ways to Kill Lulabelle Rock „But you must try not to think like that. You’ll only confuse yourself. I grew up in the countryside. You were fished out of a vat in my basement.” Neben der schweren Kost mag ich übrigens vor allem Bücher voller Irrwitz und Skurrilität. Bei der schottischen Jungautorin Maud Woolf wurde ich dazu mehr als fündig (mal abgesehen davon, dass ich natürlich vom Buchcover magisch angezogen wurde 😊). „Thirteen Ways to Kill Lulabelle Rock“ beginnt mit einer ebenso absurden wie genialen Prämisse: Eine gefeierte Schauspielerin erschafft einen dreizehnten Klon von sich, der den einzigen Auftrag hat, ihre zwölf anderen Klone zu…

  • Geschichten aus dem Kinderzimmer

    Wenn nichts mehr geht, geht Erdbeer Daiquiri

    Vor einigen Wochen wachte ich morgens auf und konnte plötzlich meinen Mund kaum noch öffnen. Vor allem auf der linken Seite tat das Kauen höllisch weh. Außerdem hatte ich mir bis dahin unbekannte Kopfschmerzen. „Trismus“ oder „Kieferklemme“ nennen Mediziner*innen den Zustand, in dem das Essen einer Kirschtomate zum russischen Roulette wird (Passt sie durch? Platzt sie?). Sie ist eine Folge von unbewusstem Aufeinanderpressen und Knirschen der Zähne in stressigen Lebenssituationen. Man hat emotionalen, gesellschaftlichen, körperlichen Stress, man ärgert sich, sorgt sich, ist freudig erregt, es gibt aber vielleicht kein Ventil für diese Zustände. Die daraus resultierende Anspannung nimmt der große Kaumuskel zum Anlass, sich mal ordentlich zu betätigen. Es passiert…