• Aus meinem Lesetagebuch

    Thirteen Ways to Kill Lulabelle Rock

    Buchrezension: Maud Woolf – Thirteen Ways to Kill Lulabelle Rock „But you must try not to think like that. You’ll only confuse yourself. I grew up in the countryside. You were fished out of a vat in my basement.” Neben der schweren Kost mag ich übrigens vor allem Bücher voller Irrwitz und Skurrilität. Bei der schottischen Jungautorin Maud Woolf wurde ich dazu mehr als fündig (mal abgesehen davon, dass ich natürlich vom Buchcover magisch angezogen wurde 😊). „Thirteen Ways to Kill Lulabelle Rock“ beginnt mit einer ebenso absurden wie genialen Prämisse: Eine gefeierte Schauspielerin erschafft einen dreizehnten Klon von sich, der den einzigen Auftrag hat, ihre zwölf anderen Klone zu…

  • Geschichten aus dem Kinderzimmer

    Wenn nichts mehr geht, geht Erdbeer Daiquiri

    Vor einigen Wochen wachte ich morgens auf und konnte plötzlich meinen Mund kaum noch öffnen. Vor allem auf der linken Seite tat das Kauen höllisch weh. Außerdem hatte ich mir bis dahin unbekannte Kopfschmerzen. „Trismus“ oder „Kieferklemme“ nennen Mediziner*innen den Zustand, in dem das Essen einer Kirschtomate zum russischen Roulette wird (Passt sie durch? Platzt sie?). Sie ist eine Folge von unbewusstem Aufeinanderpressen und Knirschen der Zähne in stressigen Lebenssituationen. Man hat emotionalen, gesellschaftlichen, körperlichen Stress, man ärgert sich, sorgt sich, ist freudig erregt, es gibt aber vielleicht kein Ventil für diese Zustände. Die daraus resultierende Anspannung nimmt der große Kaumuskel zum Anlass, sich mal ordentlich zu betätigen. Es passiert…

  • Aus meinem Lesetagebuch

    Die Riesinnen

    Buchrezension: Hannah Häffner – Die Riesinnen „Eine Liebe ist nicht weniger groß und mächtig, nur weil sie irgendwann unter dem Gewicht des Lebens nachgibt. Unter den Trümmern pulsiert sie noch weiter.“ Liese, Cora, Eva: Hannah Häffner erzählt von drei Generationen Frauen in einem kleinen Dorf im Schwarzwald, jede auf ihre Weise zu groß für das enge Korsett ihrer Zeit. Der Roman begleitet sie bei ihren Versuchen, sich aus den gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit zu lösen. Mal geschieht das leise, mal mit großer Entschlossenheit, doch immer geht es um dieselbe Frage: Wie lässt sich ein selbstbestimmtes Frauenleben führen, wenn Herkunft, Familie und soziale Rollen den Weg scheinbar längst vorzeichnen? Und darf…

  • Aus meinem Lesetagebuch

    Bleib bei mir

    Buchrezension: Ayòbámi Adébáyò – Bleib bei mir „Ich war vom ersten Augenblick an in Yejide verliebt. Kein Zweifel. Aber es gibt Dinge, die auch die Liebe nicht vermag. Bevor ich heiratete, glaubte ich, die Liebe allein könne alles schaffen. Ich lernte bald, dass ich der Belastung der vier Jahre ohne Kinder nicht gewachsen war. Wenn die Last zu groß ist, zu groß über eine zu lange Zeit, knickt selbst die Liebe ein, bekommt Risse, droht zu zerbrechen und zerbricht manchmal.“ Auf Ayòbámi Adébáyò wurde ich durch Chimamanda Ngozi Adichie aufmerksam. Bei ihr hat sie kreatives Schreiben studiert, und Adichies Werk hat mich in die feministische nigerianische Gegenwartsliteratur geführt (kann ich…

  • Aus meinem Lesetagebuch

    Nebel im August

    Buchrezension: Robert Domes – Nebel im August „Und was schreibe ich in den Totenschein?“ – „Schreiben Sie Bronchopneumonie, wie immer.“ Auch wenn mir nahestehende Personen manchmal ihr Unverständnis darüber ausdrücken, warum ich mich in meiner Freizeit den „schweren“ Themen hingebe, bleibt meine Neigung dazu ungebrochen. Müsste ich wohl mal in die Selbstanalyse einbringen… Nebel im August von Robert Domes erzählt die wahre Geschichte von Ernst Lossa, einem jenischen Jungen, der noch keine vier Jahre alt ist, als er seiner Familie weggenommen und in ein Kinderheim gesteckt wird. Ernst überlebt, weil er an eine Rückkehr glaubt („Nur ein paar Tage, Mutter, es dauert nur ein paar Tage. Du hast es versprochen.“).…

  • Aus meinem Lesetagebuch

    Der Funke Leben

    Buchrezension: Erich Maria Remarque – Der Funke Leben „Das Skelett 509 hob langsam den Schädel und öffnete die Augen. Es wusste nicht, ob es ohnmächtig gewesen war oder nur geschlafen hatte.“ A propos late to the Party: Erich Maria Remarque gehört für mich zu den Leseentdeckungen des letzten Jahres, den ich fälschlicherweise wegen seines bekanntesten Werks (Im Westen nichts Neues) für einen Kriegsschriftsteller gehalten hatte. Asche auf mein Haupt. (Und ja: mittlerweile weiß ich auch, dass Im Westen nichts Neues ein Antikriegsbuch ist – die Ignoranz der Nachgeborenen, nehme ich an :-)). Umso mehr umgehauen hat mich Der Funke Leben; ein Buch, das ohne Umschweife die Geschichte des überwiegend namenlosen…

  • Aus meinem Lesetagebuch

    Adikou

    Buchrezension: Raphaëlle Red – Adikou „Der Name des Vaters, der im Pass und auf den Visa steht, ist eine Gefahr.“ Adikou von Raphaëlle Red ist einer dieser Romane, die man nicht schnell zusammenfassen kann. Ausgangspunkt ist die Reise einer jungen Frau – Adikou – nach Togo, wo sie nach dem Tod ihres Vaters den Spuren einer Familiengeschichte folgt und dabei nicht nur geografische, sondern auch innere Grenzen überschreitet. Zwischen Paris, Lomé und New York, immer auf der Suche nach einem Ort, an dem sie sich nicht erklären muss, entfaltet sich eine vielschichtige Geschichte über Herkunft, Migration, koloniale Kontinuitäten und die Frage, was Identität eigentlich ausmacht. Adikous Suche gilt dabei nicht…

  • Aus meinem Lesetagebuch

    Intermezzo

    Buchrezension: Sally Rooney – Intermezzo „Yes I would like to live in such a way that I could vanish into thin air at any time without affecting anyone. At the same time I want desperately to be loved.“ Intermezzo von Sally Rooney ist ein leiser, unglaublich kluger Roman über zwei Brüder, die nach dem Tod ihres Vaters versuchen, mit Trauer, Liebe und sich selbst zurechtzukommen: Während der äußerlich erfolgreiche Anwalt Peter in einem eher unreifen Dreiecks-Beziehungsgeflecht feststeckt, erlebt der introvertierte Ivan, der bis dahin ein Dasein als ewiges Schachwunderkind fristete, unerwartet emotionale Nähe bei einer älteren Frau, die sein Leben verändert. Dabei könnten die Brüder kaum unterschiedlicher sein. Zwischen dem…

  • Aus meinem Lesetagebuch

    Vernon Subutex

    Buchrezension: Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex „Nichts unterscheidet einen Tag wie jeden anderen von einem Tag, an dem alles aus den Fugen gerät.“ Dieses Buch ist eigentlich eine Trilogie. Zum Glück, weil es so unglaublich gut ist, dass man sich am Ende von Teil 1 freut, dass man noch so viel davon lesen darf. Vernon, einst Plattenladenbesitzer und Sunnyboy der Pariser Punkrock-Szene in den 1980ern, ist ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit. Sein Laden ist pleite, das Geld wird knapp, und als sein Freund, der Rockstar Alex Bleach, stirbt, verliert er auch seine letzte finanzielle Unterstützung. Erst zieht Vernon als Nomade von Sofa zu Sofa, dann landet…

  • Aus meinem Lesetagebuch

    Der Sterne Tennisbälle

    Buchrezension: Stephen Fry – Der Sterne Tennisbälle „Wir sind nur der Sterne Tennisbälle, aufgespielt, gewechselt, wie es ihnen passt.“ Ich bin ja konstant und immer late to the party. Aber in diesem Fall gilt: Was für eine Party! Ned Maddstone ist jung, privilegiert und mit jener beneidenswerten Naivität ausgestattet, die nur Menschen besitzen, denen das Leben bisher ausschließlich freundlich begegnet ist. Bis ein vermeintlich harmloser Racheakt dreier neidischer Freunde eine Kette von Ereignissen auslöst, die ihn alles kostet. Jahre später kehrt ein völlig anderer Ned zurück: gebildet, vermögend und mit einem minutiösen Plan, seine Peiniger einen nach dem anderen zu vernichten. Dass Stephen Fry sich dafür ziemlich unverfroren bei Alexandre…