Nebel im August
Buchrezension: Robert Domes – Nebel im August „Und was schreibe ich in den Totenschein?“ – „Schreiben Sie Bronchopneumonie, wie immer.“ Auch wenn mir nahestehende Personen manchmal ihr Unverständnis darüber ausdrücken, warum ich mich in meiner Freizeit den „schweren“ Themen hingebe, bleibt meine Neigung dazu ungebrochen. Müsste ich wohl mal in die Selbstanalyse einbringen… Nebel im August von Robert Domes erzählt die wahre Geschichte von Ernst Lossa, einem jenischen Jungen, der noch keine vier Jahre alt ist, als er seiner Familie weggenommen und in ein Kinderheim gesteckt wird. Ernst überlebt, weil er an eine Rückkehr glaubt („Nur ein paar Tage, Mutter, es dauert nur ein paar Tage. Du hast es versprochen.“).…
Der Funke Leben
Buchrezension: Erich Maria Remarque – Der Funke Leben „Das Skelett 509 hob langsam den Schädel und öffnete die Augen. Es wusste nicht, ob es ohnmächtig gewesen war oder nur geschlafen hatte.“ A propos late to the Party: Erich Maria Remarque gehört für mich zu den Leseentdeckungen des letzten Jahres, den ich fälschlicherweise wegen seines bekanntesten Werks (Im Westen nichts Neues) für einen Kriegsschriftsteller gehalten hatte. Asche auf mein Haupt. (Und ja: mittlerweile weiß ich auch, dass Im Westen nichts Neues ein Antikriegsbuch ist – die Ignoranz der Nachgeborenen, nehme ich an :-)). Umso mehr umgehauen hat mich Der Funke Leben; ein Buch, das ohne Umschweife die Geschichte des überwiegend namenlosen…
Adikou
Buchrezension: Raphaëlle Red – Adikou „Der Name des Vaters, der im Pass und auf den Visa steht, ist eine Gefahr.“ Adikou von Raphaëlle Red ist einer dieser Romane, die man nicht schnell zusammenfassen kann. Ausgangspunkt ist die Reise einer jungen Frau – Adikou – nach Togo, wo sie nach dem Tod ihres Vaters den Spuren einer Familiengeschichte folgt und dabei nicht nur geografische, sondern auch innere Grenzen überschreitet. Zwischen Paris, Lomé und New York, immer auf der Suche nach einem Ort, an dem sie sich nicht erklären muss, entfaltet sich eine vielschichtige Geschichte über Herkunft, Migration, koloniale Kontinuitäten und die Frage, was Identität eigentlich ausmacht. Adikous Suche gilt dabei nicht…
Intermezzo
Buchrezension: Sally Rooney – Intermezzo „Yes I would like to live in such a way that I could vanish into thin air at any time without affecting anyone. At the same time I want desperately to be loved.“ Intermezzo von Sally Rooney ist ein leiser, unglaublich kluger Roman über zwei Brüder, die nach dem Tod ihres Vaters versuchen, mit Trauer, Liebe und sich selbst zurechtzukommen: Während der äußerlich erfolgreiche Anwalt Peter in einem eher unreifen Dreiecks-Beziehungsgeflecht feststeckt, erlebt der introvertierte Ivan, der bis dahin ein Dasein als ewiges Schachwunderkind fristete, unerwartet emotionale Nähe bei einer älteren Frau, die sein Leben verändert. Dabei könnten die Brüder kaum unterschiedlicher sein. Zwischen dem…
Vernon Subutex
Buchrezension: Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex „Nichts unterscheidet einen Tag wie jeden anderen von einem Tag, an dem alles aus den Fugen gerät.“ Dieses Buch ist eigentlich eine Trilogie. Zum Glück, weil es so unglaublich gut ist, dass man sich am Ende von Teil 1 freut, dass man noch so viel davon lesen darf. Vernon, einst Plattenladenbesitzer und Sunnyboy der Pariser Punkrock-Szene in den 1980ern, ist ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit. Sein Laden ist pleite, das Geld wird knapp, und als sein Freund, der Rockstar Alex Bleach, stirbt, verliert er auch seine letzte finanzielle Unterstützung. Erst zieht Vernon als Nomade von Sofa zu Sofa, dann landet…
Der Sterne Tennisbälle
Buchrezension: Stephen Fry – Der Sterne Tennisbälle „Wir sind nur der Sterne Tennisbälle, aufgespielt, gewechselt, wie es ihnen passt.“ Ich bin ja konstant und immer late to the party. Aber in diesem Fall gilt: Was für eine Party! Ned Maddstone ist jung, privilegiert und mit jener beneidenswerten Naivität ausgestattet, die nur Menschen besitzen, denen das Leben bisher ausschließlich freundlich begegnet ist. Bis ein vermeintlich harmloser Racheakt dreier neidischer Freunde eine Kette von Ereignissen auslöst, die ihn alles kostet. Jahre später kehrt ein völlig anderer Ned zurück: gebildet, vermögend und mit einem minutiösen Plan, seine Peiniger einen nach dem anderen zu vernichten. Dass Stephen Fry sich dafür ziemlich unverfroren bei Alexandre…
Kairos
Buchrezension: Jenny Erpenbeck – Kairos Eine zufällige Begegnung in Ostberlin 1986: Katharina ist neunzehn, Hans vierunddreißig Jahre älter, verheiratet, Schriftsteller. Was als große, beinahe schicksalhafte Liebe beginnt, verändert sich schleichend. Aus Nähe wird Abhängigkeit, aus Hingabe Kontrolle, aus Liebe ein System aus Demütigung, Schuld und Strafe. Erpenbeck seziert diese Beziehung mit einer fast schmerzhaft nüchternen Sprache und einer Unerbittlichkeit, die schwer auszuhalten ist, gerade weil die Katastrophe nicht plötzlich hereinbricht, sondern Satz für Satz unausweichlicher wird. Und während diese Liebe zerfällt, zerfällt um sie herum ein Land. Die letzten Jahre der DDR, Mauerfall und Wiedervereinigung laufen dabei scheinbar en passant durch den Roman: Nachrichten, Lieder, Arbeit, Wohnungen, Lebensmittel, Gespräche, verschwundene…
Hundesohn
Buchrezension: Ozan Zakariya Keskinkılıç – Hundesohn „Wer sich zu Hunden ins Bett legt, steht mit Wanzen auf.“ Wie hängen Kafka, Grindr und Muttermale miteinander zusammen? Hundesohn erzählt von Zeko, der in Berlin lebt und auf eine Reise in die Türkei wartet, wo er Hassan wiedersehen wird, den Mann, den er liebt und von dem er sich zugleich nicht lösen kann. Während die Tage bis zur Abreise verstreichen, folgt der Roman seinen Erinnerungen und Sehnsüchten, seinen sexuellen Begegnungen, seiner Trauer um den Großvater und einer Liebesgeschichte, in der Nähe und Verletzung manchmal kaum voneinander zu unterscheiden sind. Zeko scheint dabei ständig zwischen den Welten zu leben: Berlin und Türkei, Familie und…
Zeit der Mutigen
Buchrezension: Dimitré Dinev – Zeit der Mutigen „Die einzige Weise, sie nicht sterben zu lassen, war, über sie zu erzählen oder sie zu besingen.“ Fast 1.200 Seiten, dreizehn Jahre Entstehungszeit, ein ganzes Jahrhundert und eine Geschichte, die sich über Länder und Kontinente ausbreitet: Dimitré Dinevs Zeit der Mutigen ist ein Roman, der sich dem Begriff des Epos nicht verweigert. Alles beginnt an der Donau. In Österreich will sich das Dienstmädchen Eva Nagel kurz vor dem Ersten Weltkrieg das Leben nehmen und begegnet stattdessen einem k. u. k. Leutnant. In Bulgarien zieht eine Roma-Familie um Gjuro durch das Land, während die Hirtin Neda in den Bergen einen halb toten Fremden findet…
Die Hoffnung stirbt zuletzt
Das Leben schreibt ja stets die schönsten Geschichten. Aktuell neigt es dazu, mich in regelmäßigen Abständen zu verwundern. Ich gab jüngst, anlässlich des Weltkrebstages, ein Interview für eine christliche Nachrichtenagentur, in welchem es grob gesagt um Krebs und Psyche gehen sollte. Und obwohl das Themen sind, auf die ich mich nicht gesondert vorbereiten müsste (weil es mein Arbeitsalltag ist), fühlte ich mich nach dem 25minütigen Interview, das am Telefon stattfand, ratlos zurückgelassen. Denn mal abgesehen davon, dass die Journalistin es vorab offenbar nicht mal geschafft hatte, eine kurze Internet-Recherche zum Thema Psychoonkologie durchzuführen, war ich von ihrem Mangel an Kenntnissen der Gesprächsführung höchst verwundert. Besonders deutlich wurde dieser Mangel dadurch,…



