• Geschichten aus dem Kinderzimmer

    Vom Schmerz, die zweite Bindungsperson zu sein

    Abendritual mit Hindernissen Vertrauensvoll kuschelt sich mein zweijähriger Sohn in meinen Arm und lässt sich von mir die Gute-Nacht-Geschichte vorlesen. Eben noch haben wir getobt, jetzt sieht das Abendritual vor, dass ein bis acht Bücher gelesen werden, erst danach darf ich das Licht ausmachen. Normalerweise schläft er dann friedlich an mich geschmiegt ein. Normalerweise. Heute ist er aber erkältet. Er hustet und schnieft und fühlt sich wahrscheinlich so malad, wie wir Großen uns auch fühlen, wenn ein Erkältungsvirus uns erwischt. Deshalb ruft er heute Abend untröstlich nach seinem Papa, obwohl ich bei ihm bin. Er weint zornig und stößt mich von sich. Als ich es gerade schaffe, ihn wieder halbwegs…

  • Geschichten aus dem Krankenhaus

    Die Ausnahme von der Regel

    Von empathischen Studierenden und kommunikativen Totalausfällen Überwiegend ist es mir eine ausgesprochene Freude, an der Universität zu unterrichten. Es ist eine wunderbare Aufgabe, an der Ausbildung zukünftiger Ärzt*innen teilzuhaben und ihnen nicht nur Fachliches beizubringen, sondern auch einen kleinen Baustein zu dem beizutragen, was später ihre „ärztliche Gesamtpersönlichkeit“ ausmacht. Ihr Berufsethos. Ihre Einstellung zu Patient*innen. Ihr Wille zum lebenslangen Lernen. Am schönsten ist die Beobachtung, dass in den letzten Jahren eine ganze Menge junger Menschen an die Universität strömt, die – anders als viele meiner ehemaligen Kommiliton*innen, deren größtes berufliches Ziel der Kauf eines Porsche war – schon ganz viel Empathie und Menschlichkeit mitbringt. Und manchmal treiben mich die Studierenden…

  • Sprichwörtercheck

    Altklug

    Sprichwörtercheck #1 Manche Wörter unserer Sprache sind so absurd, dass ich oft zweimal drüber nachdenken muss, bevor ich verstehe, was möglicherweise gemeint sein könnte. Aktuell kam mir der Begriff “altklug” in den Sinn. Altklug, das ist verwandt mit anderen vom Aussterben bedrohten Wörtern wie “naseweis” oder “neunmalklug”. All diese Bezeichnungen tragen eine abfällige, sehr negative Konnotation. Eltern möchten jedenfalls nicht gerne über ihr Kind hören, dass es altklug sei. Warum eigentlich? Denn wenn an den Einzelkomponenten des Adjektivs – alt und klug – nichts verkehrt ist, wie kommt dann der negative Touch ins Kompositum? Der Duden als anerkannte Kornifere (sic!) auf dem Gebiet der Wörter definiert den Begriff “altklug” wie…

  • Geschichten aus dem Krankenhaus

    “Leichen pflastern den Weg eines jeden guten Arztes!”

    Es gibt Ereignisse im ärztlichen Berufsleben, die mensch nicht so leicht vergisst. Manchmal sind es intensive, berührende Begegnungen mit Patient*innen, die noch lange in der Erinnerung nachhallen. Manchmal bleiben vor allem die Erlebnisse im Gedächtnis haften, die mit den eigenen Fehlern zu tun haben (ja, auch Ärzt*innen machen Fehler, auch wenn das noch nicht bei allen so angekommen ist). Manchmal sind es aber auch Situationen in ethischen Grenzbereichen, die im “normalen Leben” eher nicht vorkommen. Und manchmal ist es eine Kombination aus all dem. Das ist die Story meiner Freundin Rosa*, die niemals “ihre” erste Tote vergessen wird, die sie als Jungassistentin auf einer internistischen Station zu beklagen hatte. Es…

  • Frei assoziiert

    Klopapier versus Kondome

    Es ist wahrscheinlich nur ein urbaner Mythos, den die Heute Show ins Spiel gebracht hat, aber er ist so gut, dass viele Menschen bereit waren, ihn zu glauben: Dass in Deutschlands Supermärkten während des ersten Lockdowns das Klopapier knapp wurde (wahr), in Frankreich hingegen der Wein und die Kondome ausgingen (vielleicht wahr). Der sicherheitsbewusste Germane, der vor allem dafür sorgt, dass die notwendigsten Prozesse reibungslos (Huch! Merkwürdiges Wort in diesem Zusammenhang!) laufen versus der französische Lebemann, der selbst im Angesicht der Krise gemeinsam mit seiner Holden nur l’amour im Kopfe hat. Ein Klischee also. Warum sind wir bereit es zu glauben? Die Sozialpsychologie erforscht solche Phänomene. Deshalb kann die Wissenschaft…

  • Frei assoziiert

    „In der Krise zeigt sich der Charakter“

    Von Verteilungskampf und Triage im Corona-Winter 2020/21 Von Helmut Schmidt ist dieser schöne Satz überliefert, den er im Rückblick auf sein Management der schweren Sturmflut in Hamburg 1962 gesagt haben soll: “In der Krise zeigt sich der Charakter.” Er wusste, wovon er sprach. Die letzten Monate waren eine ausgezeichnete Gelegenheit, um den Wahrheitsgehalt dieser Aussage hautnah zu erleben: im Spannungsfeld von generationsübergreifender Solidarität und abgrundtiefem Egoismus konnte man direkt oder indirekt sehr unterschiedliche menschliche Reaktionen auf die SARS-CoV2-Pandemie beobachten. Mir selbst ist jüngst etwas sehr Bemerkenswertes passiert, was mich frappiert und auch ein bisschen erschreckt hat. An Heiligabend bekam ich einen Anruf meiner Freundin Catherine, die eine hausärztliche Praxis führt…

  • Geschichten aus dem Kinderzimmer

    “Gestern habe ich Papa geheiratet”

    vom Ödipus-Komplex Die griechische Mythologie erzählt die Geschichte von Laios, dem König von Theben, und seiner Frau, Königin Iokaste, denen die eher unschöne Prophezeiung gemacht wird, dass ihr gerade geschlüpfter Sohn (Ödipus) seinen Vater töten und anschließend seine eigene Mutter heiraten werde. Um dem Schicksal zu entkommen, soll der bis dato vollkommen unschuldige königliche Nachwuchs darum prophylaktisch zum Sterben im Wald ausgesetzt werden. Da König*innen ihre dreckigen Geschäfte aber schon immer gern von anderen erledigen ließen, klappt das ebenso wenig wie einige hundert Jahre später die Nummer mit Schneewittchen: aus Menschlichkeit und Mitleid bringt der zum Kindsmörder erkorene Diener das Kind zum Königspaar in Korinth, einem offenbar ganz in der…

  • So adorable

    Dem Sinn des Daseins auf der Spur

    Sie brauchen eigentlich keine Vorstellung, denn ihre Sendung gehört zu den beliebtesten Wissenschaftspodcasts der letzten Jahre. Noch dazu brauchen sie keine Fürsprache durch eine von niemandem gelesene Blogger-Tante, die ihrer Zeit heillos hinterherhumpelt. Warum ich trotzdem schreibe? Weil ich so unfassbar verliebt bin in den wunderbaren Podcast “Rätsel des Unbewussten” von Dr. Cécile Loetz und Dr. Jakob Müller. Hier haben zwei Psycholog*innen und Psychoanalytiker*innen aus dem Vollen ihrer praktisch-psychotherapeutischen und wissenschaftlichen Tätigkeit geschöpft und etwas ganz besonderes geschaffen: In mittlerweile 58 Folgen (Stand Januar 2021) zeichnen sie ein gut verständliches und zugleich erstaunlich lebensnahes Bild des komplexen Therapiegebäudes namens Psychoanalyse. Sie verschweigen dabei nicht, dass es “die Psychoanalyse” eigentlich nicht…

  • Frei assoziiert

    Neujahrsvorsätze

    Eigentlich hatte ich es mir schon letztes Jahr vorgenommen. Aber dann habe ich erst gedacht, ich hätte noch genug Zeit, manchmal war einfach der Kopf nicht frei, dann kam diese ganze Corona-Scheiße und schließlich hab ich es ganz vergessen. Deshalb nehme ich es mir für 2021 einfach nochmal vor. Ist das überhaupt erlaubt? Es ist wohl das Schicksal von Neujahrsvorsätzen, dass sie früher oder später vergessen werden. Fitnessstudios verzeichnen rekordverdächtige Anmeldezahlen im Januar bei bereits im Februar wieder normalisierten Besuchszahlen. (Ketzerische Frage am Rande: Ob das in 2021 auch so sein wird?) Menschen hören mit dem Rauchen auf, essen vegetarisch, hängen weniger auf Facebook rum – um schon zwei Augenblicke…

  • Geschichten aus dem Kinderzimmer

    Die Perfektionismus-Lüge

    Kennst Du diese Situation? Das eine Kind hat Hunger, das andere braucht ein Pflaster, das dritte hat soeben gefühlte drei Liter einer beliebigen klebrigen Flüssigkeit im Spannungsfeld zwischen Urin und Traubensaft auf den Holzboden gekippt, während Du eigentlich dabei bist, parallel eine Einkaufsliste zu schreiben, die Spülmaschine auszuräumen und eine Telefonkonferenz mit Deiner Chefin zu führen. Obwohl Du von morgens sechs bis abends zehn durchgeschuftet hast, sieht die Bude aus wie Sau. Du wünschst Dir dringend Hühner, damit endlich die Krümel vom Fußboden verschwinden. Abends bist Du so platt, dass Du gerade noch wie ein Zombie in Dein Smartphone starren kannst, hast aber ein latent schlechtes Gewissen, weil Du eigentlich…