Kleine Schwächen
Aus meinem Lesetagebuch: Megan Nolan – Kleine Schwächen „Ein angespanntes Verhältnis zur Stiefmutter und ein abweisender, arbeitsloser Vater bildeten keine solide Basis für die These von der Entrinnbarkeit des Bösen.“ Im London der 1990er-Jahre wird die zehnjährige Lucy Green beschuldigt, ein dreijähriges Mädchen getötet zu haben. Noch bevor klar ist, was tatsächlich geschehen ist, hat die Öffentlichkeit ihr Urteil gefällt. Lucy stammt aus einer irischen Arbeiterfamilie und bietet damit der britischen Boulevardpresse die perfekte Projektionsfläche, um aus Ressentiments gegenüber Herkunft, Armut und familiärem Scheitern eine Geschichte über Verwahrlosung und das vermeintlich Böse zu konstruieren. Die junge irische Autorin Megan Nolan spielt mit diesen Klischees, statt sie zu bedienen. Behutsam legt…
Die letzte Patientin
Buchrezension: Ulrike Edschmid – Die letzte Patientin „Sie könne um die ganze Welt reisen, aber die Erlösung von einer Bürde aus der Vergangenheit, unter der sie sich nie aufgerichtet habe, komme nur aus ihr selbst. Äußerlich lasse sich das Leben meistern, aber innerlich trete sie nur auf der Stelle, statt einen Schritt nach vorne zu tun und sich loszusagen von der Düsternis.“ „Die letzte Patientin“ erzählt die Geschichte einer Psychotherapeutin, die ihr Leben lang versucht hat, den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit zu entkommen. Doch was sich tief im Inneren festgeschrieben hat, lässt sich nunmal nicht überlisten. Im Sinne des Freudschen Wiederholungszwangs kehrt es in immer neuen Variationen zurück. Erst in…
Die gleißende Welt
Buchrezension: Siri Hustvedt – Die gleißende Welt „Alle intellektuellen und künstlerischen Unterfangen, sogar Witze, ironische Bemerkungen und Parodien, schneiden in der Meinung der Menge besser ab, wenn die Menge weiß, dass sie hinter dem großen Werk oder dem großen Schwindel einen Schwanz und ein Paar Eier ausmachen kann.“ Die gleißende Welt von Siri Hustvedt erzählt die Geschichte der fiktiven New Yorker Künstlerin Harriet Burden, die ihr Leben lang gegen die Unsichtbarkeit weiblicher Kunst ankämpft. Nachdem sie jahrzehntelang erlebt hat, wie ihre Arbeiten belächelt, übersehen oder ihrem berühmten Ehemann zugeschrieben wurden, wagt sie nach dessen Tod ein ebenso brillantes wie radikales Experiment: Drei männliche Künstler präsentieren ihre Arbeiten als die eigenen.…
Thirteen Ways to Kill Lulabelle Rock
Buchrezension: Maud Woolf – Thirteen Ways to Kill Lulabelle Rock „But you must try not to think like that. You’ll only confuse yourself. I grew up in the countryside. You were fished out of a vat in my basement.” Neben der schweren Kost mag ich übrigens vor allem Bücher voller Irrwitz und Skurrilität. Bei der schottischen Jungautorin Maud Woolf wurde ich dazu mehr als fündig (mal abgesehen davon, dass ich natürlich vom Buchcover magisch angezogen wurde 😊). „Thirteen Ways to Kill Lulabelle Rock“ beginnt mit einer ebenso absurden wie genialen Prämisse: Eine gefeierte Schauspielerin erschafft einen dreizehnten Klon von sich, der den einzigen Auftrag hat, ihre zwölf anderen Klone zu…
Wenn nichts mehr geht, geht Erdbeer Daiquiri
Vor einigen Wochen wachte ich morgens auf und konnte plötzlich meinen Mund kaum noch öffnen. Vor allem auf der linken Seite tat das Kauen höllisch weh. Außerdem hatte ich mir bis dahin unbekannte Kopfschmerzen. „Trismus“ oder „Kieferklemme“ nennen Mediziner*innen den Zustand, in dem das Essen einer Kirschtomate zum russischen Roulette wird (Passt sie durch? Platzt sie?). Sie ist eine Folge von unbewusstem Aufeinanderpressen und Knirschen der Zähne in stressigen Lebenssituationen. Man hat emotionalen, gesellschaftlichen, körperlichen Stress, man ärgert sich, sorgt sich, ist freudig erregt, es gibt aber vielleicht kein Ventil für diese Zustände. Die daraus resultierende Anspannung nimmt der große Kaumuskel zum Anlass, sich mal ordentlich zu betätigen. Es passiert…
Die Riesinnen
Buchrezension: Hannah Häffner – Die Riesinnen „Eine Liebe ist nicht weniger groß und mächtig, nur weil sie irgendwann unter dem Gewicht des Lebens nachgibt. Unter den Trümmern pulsiert sie noch weiter.“ Liese, Cora, Eva: Hannah Häffner erzählt von drei Generationen Frauen in einem kleinen Dorf im Schwarzwald, jede auf ihre Weise zu groß für das enge Korsett ihrer Zeit. Der Roman begleitet sie bei ihren Versuchen, sich aus den gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit zu lösen. Mal geschieht das leise, mal mit großer Entschlossenheit, doch immer geht es um dieselbe Frage: Wie lässt sich ein selbstbestimmtes Frauenleben führen, wenn Herkunft, Familie und soziale Rollen den Weg scheinbar längst vorzeichnen? Und darf…
Bleib bei mir
Buchrezension: Ayòbámi Adébáyò – Bleib bei mir „Ich war vom ersten Augenblick an in Yejide verliebt. Kein Zweifel. Aber es gibt Dinge, die auch die Liebe nicht vermag. Bevor ich heiratete, glaubte ich, die Liebe allein könne alles schaffen. Ich lernte bald, dass ich der Belastung der vier Jahre ohne Kinder nicht gewachsen war. Wenn die Last zu groß ist, zu groß über eine zu lange Zeit, knickt selbst die Liebe ein, bekommt Risse, droht zu zerbrechen und zerbricht manchmal.“ Auf Ayòbámi Adébáyò wurde ich durch Chimamanda Ngozi Adichie aufmerksam. Bei ihr hat sie kreatives Schreiben studiert, und Adichies Werk hat mich in die feministische nigerianische Gegenwartsliteratur geführt (kann ich…
Nebel im August
Buchrezension: Robert Domes – Nebel im August „Und was schreibe ich in den Totenschein?“ – „Schreiben Sie Bronchopneumonie, wie immer.“ Auch wenn mir nahestehende Personen manchmal ihr Unverständnis darüber ausdrücken, warum ich mich in meiner Freizeit den „schweren“ Themen hingebe, bleibt meine Neigung dazu ungebrochen. Müsste ich wohl mal in die Selbstanalyse einbringen… Nebel im August von Robert Domes erzählt die wahre Geschichte von Ernst Lossa, einem jenischen Jungen, der noch keine vier Jahre alt ist, als er seiner Familie weggenommen und in ein Kinderheim gesteckt wird. Ernst überlebt, weil er an eine Rückkehr glaubt („Nur ein paar Tage, Mutter, es dauert nur ein paar Tage. Du hast es versprochen.“).…
Der Funke Leben
Buchrezension: Erich Maria Remarque – Der Funke Leben „Das Skelett 509 hob langsam den Schädel und öffnete die Augen. Es wusste nicht, ob es ohnmächtig gewesen war oder nur geschlafen hatte.“ A propos late to the Party: Erich Maria Remarque gehört für mich zu den Leseentdeckungen des letzten Jahres, den ich fälschlicherweise wegen seines bekanntesten Werks (Im Westen nichts Neues) für einen Kriegsschriftsteller gehalten hatte. Asche auf mein Haupt. (Und ja: mittlerweile weiß ich auch, dass Im Westen nichts Neues ein Antikriegsbuch ist – die Ignoranz der Nachgeborenen, nehme ich an :-)). Umso mehr umgehauen hat mich Der Funke Leben; ein Buch, das ohne Umschweife die Geschichte des überwiegend namenlosen…
Adikou
Buchrezension: Raphaëlle Red – Adikou „Der Name des Vaters, der im Pass und auf den Visa steht, ist eine Gefahr.“ Adikou von Raphaëlle Red ist einer dieser Romane, die man nicht schnell zusammenfassen kann. Ausgangspunkt ist die Reise einer jungen Frau – Adikou – nach Togo, wo sie nach dem Tod ihres Vaters den Spuren einer Familiengeschichte folgt und dabei nicht nur geografische, sondern auch innere Grenzen überschreitet. Zwischen Paris, Lomé und New York, immer auf der Suche nach einem Ort, an dem sie sich nicht erklären muss, entfaltet sich eine vielschichtige Geschichte über Herkunft, Migration, koloniale Kontinuitäten und die Frage, was Identität eigentlich ausmacht. Adikous Suche gilt dabei nicht…





