Geschichten aus dem Kinderzimmer

Die Perfektionismus-Lüge

Kennst Du diese Situation?

Das eine Kind hat Hunger, das andere braucht ein Pflaster, das dritte hat soeben gefühlte drei Liter einer beliebigen klebrigen Flüssigkeit im Spannungsfeld zwischen Urin und Traubensaft auf den Holzboden gekippt, während Du eigentlich dabei bist, parallel eine Einkaufsliste zu schreiben, die Spülmaschine auszuräumen und eine Telefonkonferenz mit Deiner Chefin zu führen.

Obwohl Du von morgens sechs bis abends zehn durchgeschuftet hast, sieht die Bude aus wie Sau. Du wünschst Dir dringend Hühner, damit endlich die Krümel vom Fußboden verschwinden.

Abends bist Du so platt, dass Du gerade noch wie ein Zombie in Dein Smartphone starren kannst, hast aber ein latent schlechtes Gewissen, weil Du eigentlich mal wieder Sport machen müsstest. Oder Dir wenigstens die Beine rasieren, was Du aber seit Monaten vor Dir herschiebst.

(Zumeist kinderlose) Freund*innen beglücken mich in dieser Situation (falls ich dazu komme, mich zu beklagen) mit gut gemeinten Ratschlägen à la “Du musst auch mal fünfe gerade sein lassen” oder “Es muss ja nicht immer tipptopp aussehen”. Vor allem meine jungen psychologischen Kolleg*innen, die erfüllt sind vom Glauben an verhaltenstherapeutische Tools, schlagen mir dann gerne eine To-Do-Liste als Strukturierungshilfe oder eine Priorisierung meiner Aufgaben vor.

Dazu möchte ich folgendes erwidern:

  • Natürlich habe ich schon eine To-Do-Liste. Was glaubt Ihr, wie ich sonst mein Leben schaffen würde?
  • Ich brauche keine Priorisierung, ich brauche eine Haushaltshilfe. Wenn man numerisch zu viele Aufgaben nach ihrer Dringlichkeit sortiert, sind es am Ende immer noch zu viele Aufgaben.
  • Zweites Argument gegen eine Priorisierung: wenn die Dringlichkeit das einzige Kriterium ist, priorisiert man automatisch von der Pflicht zum Vergnügen. Welche Form von Leben kommt bei einem Primat der Pflicht heraus?
  • Ich stimme voll zu, dass der Haushalt nicht perfekt sein muss. Deswegen kann man bei uns auch vom Boden essen (weil so viele Essensreste herumliegen). Deshalb habe ich noch nie mein Auto gewaschen oder “den Vorgarten gemacht”. Darum haben die Kinder Löcher in den Klamotten und wir alle tragen ziemlich dreckige Schuhe.

Aber es gibt ein (zugegeben ziemlich spießiges) Feature in mir, das allergisch reagiert auf Fäkalien auf dem Fußboden. Die mach ich immer sofort weg.

Und blutende, hungrige oder weinende Kinder (bei drei Monstern hat immer eins irgendwas) behandle ich ebenfalls überwiegend ohne Zeitverzögerung.

Es bringt mir auch nichts, bei der Wasch- oder der Spülmaschine “fünfe gerade” zu lassen: wenn ich heute keine Wäsche mache, haben wir morgen nichts zum anziehen. Wenn ich jetzt keinen Bock habe, die Spülmaschine auszuräumen, habe ich spätestens bei der nächsten Mahlzeit das Problem, wahlweise kein Geschirr oder in der Küche keinen Platz mehr zu haben.

Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Hausaufgaben, Kinderarzttermine, Bring- und Abholzeiten der diversen Betreuungseinrichtungen und nicht zuletzt der eigene berufliche Termindruck lassen wenig Spielraum für “Ach nee, heute lieber nicht”.

Das wird in der gesellschaftlichen Wahrnehmung vom Familienidyll immer gerne ausgeblendet.

[Kleiner Disclaimer am Rande: ich liebe meine Kinder über alles. Und ich bin wegen dieser geliebten Menschen tagtäglich am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Ich bitte zu beachten, dass ich “und”, nicht “aber” schrieb. Das Elterndasein erfordert eine Menge Ambiguitätstoleranz.

Dass ich diese Tatsache explizit erwähne, ist eine Konzession an die spätestens seit dem ersten sogenannten Corona-Lockdown beliebt gewordene Praxis, jede Form der elterlichen Beschwerde über die vervielfältigten Belastungen mit einem Eltern- bzw. Mütter-Bashing im Duktus der 30er Jahre zu beantworten. Von “Wir haben viel schlimmeres geschafft” bis “Was sind das nur für Mütter? Lieben die ihre Kinder nicht?” war für jedes gut gehegte Ressentiment etwas dabei.]

Was mich richtig abfuckt ist, dass die strukturellen Überforderungen und Belastungen als individuelles Problem dargestellt werden – gerne auch von Psychotherapeut*innen.

Es ist eben nicht (oder nicht nur) der intraindividuelle Narzissmus in Gestalt von hohem Ich-Ideal mit Opferbereitschaft und Perfektionismus, der Mütter zu Zombies macht.

Ja, Mütter. Denn es sind auch in 2020 weiterhin Mütter, die den Löwinnenanteil an Care-Arbeit erledigen, weil die Gesellschaft (und damit natürlich auch sie selbst als Teil dieser Gesellschaft) es von ihnen erwarten.

(Daraus machen Neoliberale und Konservative gerne “Das haben die sich freiwillig so ausgesucht”. Das ist ähnlich clever, wie Globalisierungsverlierer*innen zu erklären, sie wären arm, weil sie nicht hart genug gearbeitet hätten.)

Und berufstätige Mütter sind für große Teile der Bevölkerung herzlose, karrieregeile Uschis, die sich lieber “selbst verwirklichen” wollen, als auf die Blagen aufzupassen.

Denn es ist sowas wie eine genetische Universalwahrheit, das Mütter, Großmütter, Nachbarinnen und im Prinzip jedes mit dem Kind nicht verwandte Wesen besser für ein Kind sorgen können, als der leibliche Vater. Deswegen ist es “ganz toll”, wenn der Papa mal Sonntags mit den Kindern auf den Spielplatz geht. Für Mütter hingegen ist es normal und nicht der Rede wert, den Rest der Woche komplett zu übernehmen.

Wenn ich (was gelegentlich vorkommt) wochenends (unentgeltlich) einen Vortrag bei einer Selbsthilfegruppe halte, werde ich mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit irgendwann gefragt: “Wer passt denn gerade auf die Kinder auf?” Dieses Schicksal teile ich mit Millionen beruftsätigen Müttern.

Die deutsche Astronautin Dr. Insa Thiele-Eich bereitet sich seit 2017 akribisch darauf vor, vermutlich 2021 eine Mission ins Weltall zu starten. Da sie aber Mutter von drei Kindern ist, wurde 2019 dann ihr Ehemann (!) ausgezeichnet, weil er gleichberechtigt mit seiner Frau die Care-Arbeit teilt. Noch Fragen?

Und damit pflanzt unsere auf Selbstoptmimierung und Selbstdarstellung gebaute Leistungsgesellschaft vor allem Müttern ein permanent schlechtes Gewissen ein – mit Frauenzeitschriften und falschen Vorbildern wie Heidi Klum (und anderen willigen Vollstrecker*innen der Marktlogik).

Du warst weder beim Pekip, noch beim Babyschwimmen oder bei der musikalischen Früherziehung? Wie soll aus Finn-Luca da was Vernünftiges werden?

Deine Nachkommen sehen bereits zwanzig Sekunden, nachdem Du sie angezogen hast, nicht mehr so adrett aus wie Lea-Lotta und Leni-Marie aus dem Katalog für ökologische Kindermode aus Skandinavien? Da hast Du sie wohl schlecht erzogen.

Die Einladung für den Kindergeburtstag ist nicht mundgeklöppelt? Der Babybrei ist nicht aus eigenhändig angebautem Gemüse zart gedünstet sondern gekauft? Die Kleidung ist nicht selbstgenäht oder mindestens personalisiert? Dann zeigst Du aber wenig Engagement (= Liebe) für die Kleinen.

Und stringenterweise erstreckt sich die Deutungshoheit längst auf den weiblichen Körper, dessen Fuckability in jeder gesellschaftlichen Position und in jedem Lebensalter abgecheckt wird: Du hast immer noch nicht den After-Baby-Body zurück? Dann bist Du wohl nicht diszipliniert genug. Shame on you.

Kurzum, die Mutterschaft ist mit beginnender Sichtbarkeit der Schwangerschaft ein öffentlicher Zustand, der der unablässigen Kommentierung von außen ausgesetzt ist. (Schwieger)-Mütter, Väter, Freund*innen, Arbeitskolleg*innen und Wildfremde haben gleichermaßen etwas dazu zu sagen, wie Du Dich zu fühlen und zu benehmen hast. Eine kleine Auswahl aus meinen eigenen O-Ton-Charts:

  • “Du bist nur schwanger, nicht krank!”
  • “Auf den Schnuller müssen Sie Senf schmieren, dann hört er schon von alleine damit auf.”
  • “Ist dem armen Kind nicht kalt?”
  • “Immer wenn ich zu dir komme, sind deine Kinder um dich herum. Ich sehe dich gar nicht mehr alleine.”

Das Tableau der Meinungen zur Kindererziehung (die jede*r hat, weil die Überzeugung besteht, durch die eigene Erfahrung als mal-Kind-gewesen-zu-sein zum/zur Expert*in in dieser Frage mutiert zu sein) ist breit gefächert und reicht von Vulgär-Empirie (“Ein kleiner Klaps hat uns doch auch nicht geschadet” / “Die Schüler*innen werden immer dümmer.” / “Früher war alles besser.”) bis zu quasireligiöser Esoterik (“Nur wenn man mindestens acht Jahre voll stillt kann sich eine gute Mutter-Kind-Bindung entwickeln.”).

[Kleiner Exkurs am Rande: In meinem Bekanntenkreis gibt es eine Frau, die mehreren Menschen die Freundschaft gekündigt hat, weil sie es gewagt haben, einen Kinderwagen zu benutzen. “Säuglinge sind Traglinge!” Exkurs Ende.]

Den einen bist Du also zu lasch mit Deinen Kindern, den anderen nicht lasch genug. Und irgendwo dazwischen taumelst Du auf der Suche nach Deiner elterlichen Identität.

Und natürlich ist es eine Frage meiner intrapsychischen Struktur, meiner inneren Grundüberzeugungen, meiner unbewussten Werte, wie sehr mich diese Anforderungen von außen berühren, wie sehr ich mich damit identifiziere, welche ich ablehne (und in welcher Form) und welche ich mir unbewusst zu eigen mache. Aber eben nicht nur.

Daher ist es unlauter, überforderten Müttern, die entgegen dem Mainstream (der lautet nämlich: es ist die reine Wonne und genetisch bedingte Erfüllung Mutter zu sein) diese Überforderung erspüren und sogar benennen, dies auch noch zum Vorwurf zu machen. Weil es die Verantwortung für die Misere galant an die Betroffenen weiterreicht.

Genauso gut könnte man Mobbing-Opfer darauf hinweisen, dass sie offenbar ziemlich abhängig von der Zustimmung oder Ablehnung anderer seien (TP) oder sie auffordern, sich die ganze Mobbing-Sache nicht so zu Herzen zu nehmen (VT).

Es ist nämlich überwiegend nicht die Dissonanz zwischen den genuin eigenen inneren Ansprüchen und der vermeintlich fehlerhaften mütterlich-verbrämten Wahrnehmung, die als schräg empfunden wird, sondern die Schieflage zwischen dem als gesellschaftliche Normalität propagierten perfekten Leben der Insta-Moms (“Perfekt ist das neue normal!”) und dem eigenen eher nur so durchschnittlichen Leben. Wie bei einem Suchbild: finde die 10 Fehler.

Vor allem depressiv erkrankte Mütter benennen fast unisono dieses Schuldgefühl: “Warum bin ich nicht glücklich? Ich müsste doch laut Internet so unfassbar glücklich sein!”

Man könnte also von einem Muster sprechen, das sich in diesem kollektiven Fühlen zeigt.

Müsste am Ende dieses Lamento nicht jetzt eigentlich eine Pointe, eine kathartische Wendung oder mindestens eine gute Achtsamkeitsübung stehen, um aus dem Dilemma heraus zu kommen?

Spoileralarm: ich weiß die Lösung nicht (außer mal eben flott eine neue Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung zu schaffen). So ist es mit vielen Dingen im Leben. Die Spannung der Dissonanz muss irgendwie ausgehalten und ertragen werden. Meine therapeutische Sozialisation verbietet mir zudem, schnelle und vermeintlich effektive Tools dafür anzupreisen – weil die Situation auch dann schwierig bleibt, wenn ich eine Entspannungsübung gemacht habe.

Also endet man doch bei Individuallösungen eines soziologischen Phänomens. In der IT nennt sich das Workaround. Sei es drum.

In der tiefenpsychologisch-fundierten Psychotherapie geht es darum, sich selber besser zu verstehen und sich dann durch die Brille des (emotionalen) Verständnisses liebevoll oder nachsichtig zu betrachten. Dabei waren für mich die 150 Stunden analytischer Selbsterfahrung im Rahmen der Therapieausbildung von unschätzbarem Wert.

Wenig überraschend ging es in diesen Stunden oft um Perfektionismus und die Illusion, dass das Leben perfekt sein könne. (Hier nicken alle Analytiker*innen beifällig und Murmeln “Ich habs doch gewusst”. Ich bin jedoch überzeugt davon, dass meine Analytikerin keine Kinder hat.)

Ich vermute mal, dass es leider kein praktikabler Weg ist, allen Müttern die Ausbildung zur Psychotherapeutin zu empfehlen. Deshalb möchte ich Müttern, die ähnlich fühlen wie ich, die Anregung geben: versuche zu begreifen, was Dich stresst und warum es Dich stresst. Vielleicht kannst Du mit der Zeit unterscheiden, ob es der Schlafmangel oder Dein Bedürfnis nach einer sauberen Wohnung ist, was Dich am meisten fertigmacht.

Hilfreich können Dir folgende Fragen sein:

  • Woher kennst Du dieses Gefühl?
  • Gibt es widerstreitende Gefühle?
  • Wer hat diesen Satz früher immer gesagt?
  • Wie hast Du es als Kind erlebt?
  • Was hättest Du Dir von Deinen Eltern gewünscht?

Und wenn Du merkst, dass Du mit vermeintlich perfektem Verhalten eigentlich gerade dabei bist, die Anerkennung anderer Menschen zu bekommen, dann versuche ab und zu, es sein zu lassen. Nicht immer, nur manchmal.

Wenn Du Angst hast, Deine Kinder psychisch zu ruinieren, dann lies ein bisschen Winnicott, der versichert Dir, dass “good enough” total super ist.

Und wenn Du möchtest, darfst Du auch eine Entspannungsübung machen. Schadet ja nicht.

Bild oben von MichaelGaida auf Pixabay.

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