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Die Hoffnung stirbt zuletzt

Das Leben schreibt ja stets die schönsten Geschichten. Aktuell neigt es dazu, mich in regelmäßigen Abständen zu verwundern.

Ich gab jüngst, anlässlich des Weltkrebstages, ein Interview für eine christliche Nachrichtenagentur, in welchem es grob gesagt um Krebs und Psyche gehen sollte. Und obwohl das Themen sind, auf die ich mich nicht gesondert vorbereiten müsste (weil es mein Arbeitsalltag ist), fühlte ich mich nach dem 25minütigen Interview, das am Telefon stattfand, ratlos zurückgelassen.

Denn mal abgesehen davon, dass die Journalistin es vorab offenbar nicht mal geschafft hatte, eine kurze Internet-Recherche zum Thema Psychoonkologie durchzuführen, war ich von ihrem Mangel an Kenntnissen der Gesprächsführung höchst verwundert.

Besonders deutlich wurde dieser Mangel dadurch, dass ich unmittelbar vor dem Interview mit einer Kleingruppe Medizinstudierender eben jene Gesprächsführung geübt hatte. Ich kann mit Befriedigung und Stolz sagen, dass sich die kommunikativen Kenntnisse der Studierenden in den letzten Jahren deutlich verbessert haben: Sie kennen die Bedeutung des aktiven Zuhörens, sie vermeiden Bewertungen und Suggestionen und – wahrscheinlich am wichtigsten – sie wollen patient*innenorientiert und empathisch kommunizieren. Ich habe große Hoffnung für diese Generation angehender Ärzt*innen.

Und während ich den Studierenden stets mit auf den Weg gebe, dass sie so lange fragen sollen, bis sie die Antwort richtig verstanden haben, hatte meine journalistische Gesprächspartnerin offenbar weniger Glück, was die eigene Ausbildung anging.

Mechanisch arbeitete sie ihre Liste uninspirierter Fragen ab, die begannen mit “Welche Rolle spielt die Psyche bei der Bewältigung von Krebs?” (Polemische Gegenfrage: Womit – wenn nicht mit der Psyche – wollen Sie denn sonst eine Krankheit “bewältigen”?) und nahtlos übergingen zu “Warum ist Krebs eigentlich so ein Tabuthema?”

Vor allem über die letzte Frage könnte man abendfüllend referieren, umso erstaunter war ich, dass die Dame sich mit 32 Sekunden als Antwort zufrieden gab und keinerlei Nachfragen hatte.

Es reicht nicht, zu fragen. Man muss auch die Antwort begreifen.
(Bild von Piyapong Saydaung auf Pixabay)

Vermutlich war sie in Gedanken bereits bei den “christlichen Magazinen” und “einigen säkulären Blättern”, denen sie die Story verscherbeln wollte. Der aufklärerische Geist, den ich (vermutlich naiv und idealisierend) dem Journalismus unterstelle, oder auch nur basale Neugier für das Thema konnte ich nicht entdecken.

Meinen Studierenden würde ich dazu als Feedback geben, dass sie versuchen sollen, auf die Antwort der Patient*innen einzugehen, indem sie verbal, nonverbal und paraverbal Anteil nehmen. Wer bloß seine Liste von Anamnesefragen “abhakt”, fällt leider durch. Sich genuin zu interessieren kann hingegen keine Technik ersetzen, das muss man schon selbst erledigen.

Am nervigsten war für mich aber der plumpe Versuch der Suggestion, der sich durch das gesamte Interview zog. “Wie wichtig ist die Hoffnung für die Therapie?” wurde ich in abgewandelter Form gleich mehrfach gefragt. Sie folgte damit dem urbanen Mythos, dass man nur “positiv denken” muss und dann klappt das schon mit der Chemotherapie. Mit meiner Antwort (“Es ist für den individuellen Menschen wundervoll, Hoffnung zu haben, aber es ist nicht gleichbedeutend mit dem Besiegen der Krebserkrankung.”) war man entsprechend auch nicht zufrieden.

Auch da haben meine Medizinstudis einen deutlichen Wissensvorsprung, denn sie haben schon früh im Studium gelernt, dass Suggestivfragen (“Aber Alkohol trinken Sie nicht, oder?”) sehr ungünstig sind, wenn man die Wirklichkeit explorieren möchte und keine Reproduktion seiner ersten eigenen Einschätzung erleben möchte (“Nee, natürlich nicht, Frau Doktor.”).

Da ich aus eigener Erfahrung berichten kann, dass sich nicht nur das Wissen, sondern auch das Verhalten und – am wundervollsten – die Haltung von Menschen ändern kann, wenn sie die entsprechenden Vorbilder und Lernbedingungen haben, ist es eine schöne Idee, dass die Grundzüge der Kommunikation irgendwann auch in die Ausbildung von Journalist*innen Einzug halten werden.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Bild ganz oben von Piyapong Saydaung auf Pixabay

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