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A drink improves everything

Es sind verrückte Zeiten, in denen wir leben.

Vermutlich ist der Begriff zu schwach und obendrein nicht spezifisch genug. “Verrückt” ist ja auch eine feucht-fröhliche Karnevalsparty, eine pastellfarbene Brille oder ein modischer neuer Hut. Zugleich möchte ich keine Anleihen bei Bertolt Brecht und seine “finsteren Zeiten” machen, denn die Finsternis die er in seinem Gedicht “An die Nachgeborenen” beschrieb, ist weiterhin unvorstellbar und wird derzeit oft genug von eben jenen Finsterlingen instrumentalisiert, die sich ins Herz der Dunkelheit zurückwünschen.

Es könnte also besser heißen: Es sind tragische Zeiten, in denen wir leben. Denn das Dilemma zwischen menschlich so dringend benötigter Nähe und infektiologisch so dringend benötigtem Abstand ist nicht auflösbar. Das Virus nutzt unser Menschsein für seine eigenen Zwecke.

Es ist mir vorab sehr wichtig klarzustellen, dass ich die Pandemie mit SARS-CoV2 für ein schicksalshaftes Unglück halte, das keinesfalls von bösen Mächten auf die flache Erde gebracht wurde.

Und dass ich die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie – bei aller Detailkritik am Krisenmanagement verschiedener Akteur*innen in der Politik – aus wissenschaftlich-ärztlicher Sicht für alternativlos halte.

Aber die aus epidemiologischer Sicht absolut notwendige Kontaktbeschränkung ist gerade für hilfsbedürftige Menschen eine emotionale Katastrophe.

Einsame Zeiten: Wenn sich die eigene Wohnung wie ein Gefängnis anfühlt.
(Bild von Piyapong Saydaung auf Pixabay)

Die Tragik der Corona-Pandemie zeigt sich besonders, wenn man – wie ich – in einem Krankenhaus arbeitet. Ich vermute mal, dass es in jedem anderen Bereich, in dem sich “Professionals” um das Wohlergehen der ihnen anvertrauten Menschen kümmern, genauso ist: in Altenheimen, in Wohnheimen für Menschen mit Behinderung, in Hospizen oder Kinderheimen.

Die ganze Welt teilt seit Monaten das kollektive Gefühl von Isolation und Beschränkung. Ich als berufstätige Mutter von drei Kindern habe oft vollmundig behauptet, dass Familien mit Kindern eine deutlich höhere Last tragen, als andere Bevölkerungsgruppen. Inzwischen bin ich da nicht mehr so (selbst)-sicher.

Denn ich kann nicht ermessen, wie fürchterlich es sein muss, in einem Altenpflegeheim zu leben und über Monate keinen Besuch zu bekommen, keine gemeinsamen Mahlzeiten mehr mit den anderen Bewohner*innen einzunehmen und keinerlei Freizeitprogramm mehr zu haben. Das gemeinsame Singen zum Beispiel – was für an Demenz erkrankte Menschen sogar einen therapeutischen Effekt hat – ist seit vielen Monaten nicht mehr erlaubt.

Wo ist eigentlich das schöne Leben hin?
(Bild von Lars Peter Witt auf Pixabay)

Eine Freundin meiner Mutter ist im ersten Lockdown auf einer Palliativstation verstorben – allein. Ihre Familie durfte nicht zu ihr kommen. Auch in meiner Klinik hat die Hämatoonkologie (zurecht) noch immer die strengsten Besuchsregelungen. Da liegen beispielsweise Menschen mit Leukämie stationär, die haben seit Wochen ihre Kinder nicht mehr gesehen.

Und ich sehe, dass auch meine kinderlosen Freund*innen solcherart unter dem Sinnverlust und der Einsamkeit leiden, dass ich mich selbst immer wieder glücklich schätze, eben jene betreuungsbedürftigen Kinder zu haben, wegen derer ich mich initial für besonders gebeutelt hielt. Denn wenn ich eines nicht war in den letzten Monaten, dann ist es alleine. Wer aber alleine wohnt, und sei es in einer wunderschönen Altbauwohnung in der Innenstadt, die ich sonst neidvoll betrachte, der stellt fest, dass das Finden von Partner*innen aktuell noch schwerer ist als ohnehin schon und dass der Tag auf einmal viel zu viele Stunden hat.

In der Psychoonkologie stehe ich gefühlt seit März 2020 mit leeren Händen da. Meine Patient*innen, die durch ihre Krebserkrankung wirklich schon gebeutelt genug sind, sind ihrer Ressourcen oftmals noch beraubter, als es gesunde Menschen sind: Weil onkologisch erkrankte Personen einerseits zur Covid-Risikogruppe für einen schweren (bis fatalen) Verlauf zählen, und weil andererseits die Fähigkeit des Immunsystems, nach einer Impfung suffizient Antikörper zu bilden, entweder durch die Krebserkrankung selbst oder durch die Therapie deutlich vermindert ist, haben meine Patient*innen trotz aller Impf-Euphorie im Rest der Republik noch immer mit Isolation und Vereinsamung zu kämpfen. Und natürlich mit der Angst, dennoch an Covid zu erkranken und im schlimmsten Fall daran zu versterben.

Ich weiß nicht genau, wann mir klar geworden ist, dass der Verlust der Ressourcen nicht nur meine Patient*innen, sondern natürlich auch mich selbst betrifft. Womit lade ich eigentlich die Akkus auf, die derzeit noch mehr als sonst angezapft werden?

Diese Frage thematisierte ich neulich auf einer psychoonkologischen Fortbildung und die Dozentin machte netterweise einen Exkurs dazu. Sie sammelte unsere therapeutischen Ressourcen. Da die anwesenden Kolleg*innen jedoch überwiegend in anderen Lebenssituationen als ich waren, hörte ich neidvoll (und ein bisschen angepisst) den Erzählungen der jungen Menschen zu, die offenbar jeden Morgen anderthalb Stunden Yoga machen, nach der Arbeit immer noch eine Stunde laufen gehen und diese Tätigkeiten auch “voll brauchen, um runterzukommen”.

Nach längerem, dumpfen Brüten über meinen eigenen Ressourcen, eröffnete ich (möglicherweise ein klein bisschen trotzig und widerständig), dass ich weder Yoga, noch sonstigen Sport betriebe, sondern mich eher mal dem Day Drinking hingäbe: “Ich habe Gin Tonic.”

Doch auch dieses kleine Vergnügen wollte mir der Kurs rauben, indem man mit erhobenem Zeigefinger auf die Dysfunktionalität des Suchtmittelgebrauchs hinwies. (Ja, ich weiß. Will ich aber nicht hören.) Als ich mit zitternder Stimme antwortete “Ich habe aber nichts anderes” hatte die Dozentin ein Einsehen und gestand mir den Alkohol zu. Das sei “für kurze Zeit schon okay.”

Na bitte.

A drink improves everything – vor allem, wenn ein Schirmchen drinsteckt.
(Bild von Engin Aykurt auf Pixabay)

Die letzte Bestätigung, die ich dann noch brauchte (das nennt sich wohl Confirmation Bias), bekam ich, als ich die wunderbare Serie “The Crown” auf Netflix sah. Dort wird in der dritten Staffel Queen Mom (deren Signature-Getränk offenbar der Gin gewesen sein soll) folgendes Zitat in den Mund gelegt, das derzeit mein liebster Trinkspruch ist: “A drink improves everything” – darauf möchte ich anstoßen.

Und bevor mir meine schädlicher Gebrauch von Alkohol zum Vorwurf gemacht wird: Day Drinking funktioniert hervorragend auch alkoholfrei. Für die Haptik des “Drinks” reichen ein Glas mit bunter Flüssigkeit, ein paar Eiswürfel und eine Scheibe Zitrone. Mit Papierschirmchen ist der Placebo-Effekt sogar noch besser.

Auch wenn das Vorhergehende natürlich nicht ganz ernst gemeint ist (es gibt in meinem Leben glücklicherweise noch zwei, drei andere Dinge als den Gin, die mir Halt geben – und außerdem ist Humor doch auch eine schöne Ressource), ist es für mich nach all den Monaten, die wir jetzt zwangsweise Erfahrung mit dieser Pandemie haben, noch immer ein Rätsel, welche Mechanismen es wirklich sind, die mich alles einigermaßen gesund überstehen lassen. Deshalb endet dieser Artikel offen, so wie es in der Therapie auch manchmal ist. Ich bin so froh, dass ich nicht die Person mit den Antworten sein muss, sondern nur ab und an schlaue Fragen stelle.

Das Leben mit der Ungewissheit ist sicherlich einer der wichtigsten Skills, die uns das Virus namens SARS-CoV2 beigebracht hat.

Bild ganz oben von Pexels auf Pixabay

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