• Geschichten aus dem Krankenhaus

    Die Ausnahme von der Regel

    Von empathischen Studierenden und kommunikativen Totalausfällen Überwiegend ist es mir eine ausgesprochene Freude, an der Universität zu unterrichten. Es ist eine wunderbare Aufgabe, an der Ausbildung zukünftiger Ärzt*innen teilzuhaben und ihnen nicht nur Fachliches beizubringen, sondern auch einen kleinen Baustein zu dem beizutragen, was später ihre „ärztliche Gesamtpersönlichkeit“ ausmacht. Ihr Berufsethos. Ihre Einstellung zu Patient*innen. Ihr Wille zum lebenslangen Lernen. Am schönsten ist die Beobachtung, dass in den letzten Jahren eine ganze Menge junger Menschen an die Universität strömt, die – anders als viele meiner ehemaligen Kommiliton*innen, deren größtes berufliches Ziel der Kauf eines Porsche war – schon ganz viel Empathie und Menschlichkeit mitbringt. Und manchmal treiben mich die Studierenden…

  • Sprichwörtercheck

    Altklug

    Sprichwörtercheck #1 Manche Wörter unserer Sprache sind so absurd, dass ich oft zweimal drüber nachdenken muss, bevor ich verstehe, was möglicherweise gemeint sein könnte. Aktuell kam mir der Begriff “altklug” in den Sinn. Altklug, das ist verwandt mit anderen vom Aussterben bedrohten Wörtern wie “naseweis” oder “neunmalklug”. All diese Bezeichnungen tragen eine abfällige, sehr negative Konnotation. Eltern möchten jedenfalls nicht gerne über ihr Kind hören, dass es altklug sei. Warum eigentlich? Denn wenn an den Einzelkomponenten des Adjektivs – alt und klug – nichts verkehrt ist, wie kommt dann der negative Touch ins Kompositum? Der Duden als anerkannte Kornifere (sic!) auf dem Gebiet der Wörter definiert den Begriff “altklug” wie…

  • Geschichten aus dem Krankenhaus

    “Leichen pflastern den Weg eines jeden guten Arztes!”

    Es gibt Ereignisse im ärztlichen Berufsleben, die mensch nicht so leicht vergisst. Manchmal sind es intensive, berührende Begegnungen mit Patient*innen, die noch lange in der Erinnerung nachhallen. Manchmal bleiben vor allem die Erlebnisse im Gedächtnis haften, die mit den eigenen Fehlern zu tun haben (ja, auch Ärzt*innen machen Fehler, auch wenn das noch nicht bei allen so angekommen ist). Manchmal sind es aber auch Situationen in ethischen Grenzbereichen, die im “normalen Leben” eher nicht vorkommen. Und manchmal ist es eine Kombination aus all dem. Das ist die Story meiner Freundin Rosa*, die niemals “ihre” erste Tote vergessen wird, die sie als Jungassistentin auf einer internistischen Station zu beklagen hatte. Es…

  • Geschichten aus dem Krankenhaus

    “Krieg ist die Hölle”

    Auf Funk.net (dem hippen Teenie Angebot der öffentlich-rechtlichen Opas ARD und ZDF) findet sich seit dem 22.12.2020 ein Kurzfilmchen namens “Der Pflegerekrut” des Comedians Aurel Mertz, das dieser ankündigt mit “Wer immer mal zur Bundeswehr wollte, aber keine Lust auf Waffen und Co. hat, kann einfach in die Pflege gehen. Ist quasi das Gleiche, nur schlechter bezahlt. Und ohne rechte Netzwerke.” Die Handlung von “Der Pflegerekrut” ist schnell erzählt: als Parodie auf die Krankenhausserie “Scrubs” und Stanley Kubricks Vietnamfilm “Full Metal Jacket” kommt hier ein junger Pflegeschüler – Aurel Mertz als Aurel Mertz – ins Krankenhaus, um sich von einer Ausbilderin im Drill-Sergeant-Style zur Minna machen zu lassen. “Wir sind…

  • Geschichten aus dem Krankenhaus

    Wer braucht hier Beruhigung? Von Konsilanforderungen in der Psychosomatik

    Ein rotes Kreuz blinkt hektisch neben dem Namen der Patientin. “Notfall” informiert mich das Informationssystem. Wieso eigentlich Notfall? “Patientin weint!!!” hat der unfallchirurgische Kollege in der Anamnese ergänzt. Mit drei Ausrufezeichen!!! Weint!!! Die Patientin!!! Mein Gott!!! Und was soll er da jetzt tun, der Jungassistent in der Unfallchirurgie? Na klar: die Psychotante anfordern. Wenn ich meine fünfjährige Tochter fragte, was man mit einem Menschen macht, der weint, würde sie vermutlich so etwas sagen wie: “In den Arm nehmen.” oder “Trösten.” Und Kindermund tut auch an dieser Stelle Wahrheit kund: ein weinender Mensch sollte getröstet werden. Sofort. Von dem Menschen, der ihm oder ihr gegenüber sitzt. Dafür braucht man nämlich nicht…

  • Geschichten aus dem Krankenhaus

    Nein, ich bin keine Psychologin

    Heute führe ich ein Gespräch mit Frau M. Wir reden 50 Minuten lang über ihre krebsbedingten Belastungen und wie sie damit umgehen könnte. Als es um ihre Sorgen vor der anstehenden Chemotherapie geht, gebe ich ihr kompetent Auskunft über die zu erwartenden Nebenwirkungen. Plötzlich klingelt ihr Telefon; ihr Ehemann ruft an. Frau M. nimmt das Gespräch an (Warum eigentlich? Stoff für einen weiteren Artikel…) um mitzuteilen: „Schatz, ich kann gerade nicht. Die Psychologin ist da.“ Wenn es um die P-Fächer geht, herrscht relativ große Verwirrung in breiten Teilen der Bevölkerung (und leider auch unter den medical professionals). Auch nach mehrstündigen Gesprächen werde ich gerne als „Psychologin“ tituliert. Dabei würde ich…

  • Geschichten aus dem Krankenhaus

    “Der Patient ist überlagert” – wie Sprache unser Bewusstsein bestimmt

    Eines Tages kam eine psychologische Kollegin mit einer Konsilanforderung in der Hand zu mir und fragte: “Die schreiben hier, der Patient sei überlagert. Was bedeutet das?” Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich mir über den Begriff keine tieferen Gedanken gemacht. Natürlich kannte ich ihn seit vielen Jahren und ich vermute, dass er mir schon im Studium begegnet ist. In der Medizin wird er recht freizügig überall dort verwendet, wo psychisch aberrantes Verhalten beschrieben werden soll (wobei schon völlig unklar ist, was eine psychische Aberration sein soll). “Der Patient ist überlagert” – gerne auch in seiner Steigerungsform “Der Patient ist total überlagert” oder in der Variante “Gut dass Sie da sind!…