• Geschichten aus dem Kinderzimmer

    Die Perfektionismus-Lüge

    Kennst Du diese Situation? Das eine Kind hat Hunger, das andere braucht ein Pflaster, das dritte hat soeben gefühlte drei Liter einer beliebigen klebrigen Flüssigkeit im Spannungsfeld zwischen Urin und Traubensaft auf den Holzboden gekippt, während Du eigentlich dabei bist, parallel eine Einkaufsliste zu schreiben, die Spülmaschine auszuräumen und eine Telefonkonferenz mit Deiner Chefin zu führen. Obwohl Du von morgens sechs bis abends zehn durchgeschuftet hast, sieht die Bude aus wie Sau. Du wünschst Dir dringend Hühner, damit endlich die Krümel vom Fußboden verschwinden. Abends bist Du so platt, dass Du gerade noch wie ein Zombie in Dein Smartphone starren kannst, hast aber ein latent schlechtes Gewissen, weil Du eigentlich…

  • So adorable

    Der heißeste Lauch

    Dass ich in Sachen Internetphänomene allzeit mehrere Jahrzehnte hinterherhänge, zeigt sich sehr offensichtlich darin, dass mir erstmals 2020 die Idee kam, einen Blog zu schreiben. Aber auch alles andere rund um die digitale Welt erreicht meine Bewusstseinssphäre mit deutlicher Verspätung. Tief in meinen Inneren muss ich mir wohl eingestehen, dass ich niemals über Nintendo herausgekommen bin und bereits beim Trend Tamagotchi nicht mehr verstanden habe, was das eigentlich soll. Insofern ist es wirklich fraglich, ob ich die richtige Expertise aufweise, um Dinge zu besprechen, die man in diesem “Internetz” findet. Falls Du Dich aber ähnlich paläolithisch fühlst wie ich, dann hast Du vielleicht Freude an meiner aktuellen “Entdeckung”, denn der…

  • Geschichten aus dem Kinderzimmer

    Penisneid

    Wir haben da diesen Flaschenöffner. Was für ein bescheuerter Satz: Wir haben da diesen Flaschenöffner. Dabei soll es eigentlich um Penisse gehen. Und (un)aufgeregte Sexualerziehung. Der holprige Anfang ist kein Zufall. Denn ungeachtet der Tatsache, dass wir (anders als zu Sigmund Freuds Zeiten) eine gesellschaftliche Hypersexualisierung erleben, durch die man keine Fernsehzeitung mehr kaufen kann, ohne (gemachte und/oder bildbearbeitete) Titten zu sehen, ist Sexualität noch immer ein Tabuthema, das gerade in der Eltern-Kind-Beziehung kaum Resonanz findet. Dass es tatsächlich vielen Menschen schwer fällt, (mit ihren Kindern) über Sexuelles zu sprechen (und dass ich mich selbst trotz anderslautender Vorsätze davon auch nicht immer freimachen kann), wurde mir jedoch erst spät klar.…

  • Geschichten aus dem Krankenhaus

    “Krieg ist die Hölle”

    Auf Funk.net (dem hippen Teenie Angebot der öffentlich-rechtlichen Opas ARD und ZDF) findet sich seit dem 22.12.2020 ein Kurzfilmchen namens “Der Pflegerekrut” des Comedians Aurel Mertz, das dieser ankündigt mit “Wer immer mal zur Bundeswehr wollte, aber keine Lust auf Waffen und Co. hat, kann einfach in die Pflege gehen. Ist quasi das Gleiche, nur schlechter bezahlt. Und ohne rechte Netzwerke.” Die Handlung von “Der Pflegerekrut” ist schnell erzählt: als Parodie auf die Krankenhausserie “Scrubs” und Stanley Kubricks Vietnamfilm “Full Metal Jacket” kommt hier ein junger Pflegeschüler – Aurel Mertz als Aurel Mertz – ins Krankenhaus, um sich von einer Ausbilderin im Drill-Sergeant-Style zur Minna machen zu lassen. “Wir sind…

  • Geschichten aus dem Krankenhaus

    Wer braucht hier Beruhigung? Von Konsilanforderungen in der Psychosomatik

    Ein rotes Kreuz blinkt hektisch neben dem Namen der Patientin. “Notfall” informiert mich das Informationssystem. Wieso eigentlich Notfall? “Patientin weint!!!” hat der unfallchirurgische Kollege in der Anamnese ergänzt. Mit drei Ausrufezeichen!!! Weint!!! Die Patientin!!! Mein Gott!!! Und was soll er da jetzt tun, der Jungassistent in der Unfallchirurgie? Na klar: die Psychotante anfordern. Wenn ich meine fünfjährige Tochter fragte, was man mit einem Menschen macht, der weint, würde sie vermutlich so etwas sagen wie: “In den Arm nehmen.” oder “Trösten.” Und Kindermund tut auch an dieser Stelle Wahrheit kund: ein weinender Mensch sollte getröstet werden. Sofort. Von dem Menschen, der ihm oder ihr gegenüber sitzt. Dafür braucht man nämlich nicht…

  • Geschichten aus dem Krankenhaus

    Nein, ich bin keine Psychologin

    Heute führe ich ein Gespräch mit Frau M. Wir reden 50 Minuten lang über ihre krebsbedingten Belastungen und wie sie damit umgehen könnte. Als es um ihre Sorgen vor der anstehenden Chemotherapie geht, gebe ich ihr kompetent Auskunft über die zu erwartenden Nebenwirkungen. Plötzlich klingelt ihr Telefon; ihr Ehemann ruft an. Frau M. nimmt das Gespräch an (Warum eigentlich? Stoff für einen weiteren Artikel…) um mitzuteilen: „Schatz, ich kann gerade nicht. Die Psychologin ist da.“ Wenn es um die P-Fächer geht, herrscht relativ große Verwirrung in breiten Teilen der Bevölkerung (und leider auch unter den medical professionals). Auch nach mehrstündigen Gesprächen werde ich gerne als „Psychologin“ tituliert. Dabei würde ich…

  • Geschichten aus dem Krankenhaus

    “Der Patient ist überlagert” – wie Sprache unser Bewusstsein bestimmt

    Eines Tages kam eine psychologische Kollegin mit einer Konsilanforderung in der Hand zu mir und fragte: “Die schreiben hier, der Patient sei überlagert. Was bedeutet das?” Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich mir über den Begriff keine tieferen Gedanken gemacht. Natürlich kannte ich ihn seit vielen Jahren und ich vermute, dass er mir schon im Studium begegnet ist. In der Medizin wird er recht freizügig überall dort verwendet, wo psychisch aberrantes Verhalten beschrieben werden soll (wobei schon völlig unklar ist, was eine psychische Aberration sein soll). “Der Patient ist überlagert” – gerne auch in seiner Steigerungsform “Der Patient ist total überlagert” oder in der Variante “Gut dass Sie da sind!…