Frei assoziiert

Klopapier versus Kondome

Es ist wahrscheinlich nur ein urbaner Mythos, den die Heute Show ins Spiel gebracht hat, aber er ist so gut, dass viele Menschen bereit waren, ihn zu glauben:

Dass in Deutschlands Supermärkten während des ersten Lockdowns das Klopapier knapp wurde (wahr), in Frankreich hingegen der Wein und die Kondome ausgingen (vielleicht wahr).

Der sicherheitsbewusste Germane, der vor allem dafür sorgt, dass die notwendigsten Prozesse reibungslos (Huch! Merkwürdiges Wort in diesem Zusammenhang!) laufen versus der französische Lebemann, der selbst im Angesicht der Krise gemeinsam mit seiner Holden nur l’amour im Kopfe hat.

Ein Klischee also.

Warum sind wir bereit es zu glauben?

Die Sozialpsychologie erforscht solche Phänomene. Deshalb kann die Wissenschaft beschreiben, dass den Deutschen das politische Thema “Sicherheit” das liebste ist, während in den USA die Wahlkämpfe mit dem Sujet der “Freiheit” geführt und gewonnen werden. Mit all den Auswüchsen, die wir aneinander so merkwürdig finden (National Rifle Association vs. Wohngebäudeversicherung).

Ohne dass ich auch nur den mindesten Anspruch auf wissenschaftliche Korrektheit erheben möchte, fällt mir in diesem Zusammenhang eine nette Anekdote ein, die ich mal auf einer Fortbildung vor vielen Jahren gehört habe: dass nämlich in Frankreich der (in Deutschland eher stiefmütterlich behandelten) Leber eine viel größere Rolle im pathophysiologischen medizinischen Denken zukomme.

Ein gutes Gefühl: immer genug Klopapier auf Halde zu haben. (Bild von Lyperzyt auf Pixabay)

Es gebe sogar eine Krankheit, die nur die Französinnen und Franzosen bekämen, die sich ins Deutsche übersetzt aber eher anhört wie das Residuum einer drogeninduzierten Psychose.

Doch dazu – kleiner Cliffhanger – erst später.

Volksleiden und kulturelle Prägungen

Blicken wir auf das Volksleiden der Deutschen. Mit knapp 17% aller Krankheitstage lautet einer der häufigsten Gründe für eine Krankschreibung in Deutschland “Rücken”. Das ist empirisch recht gut belegt. Die Lebenszeitprävalenz für Rückenschmerzen liegt in Deutschland bei satten 80% (im Vergleich zu 58-75% der anderen Industrienationen).

“Ich hab Rücken” bedeutet, dass ein Mensch Rückenschmerzen akuter oder chronischer Art hat, wegen derer er oder sie die Arbeitstätigkeit temporär nicht mehr ausüben kann. 35 Millionen kumulative Krankheitstage waren es in 2017 mit dieser Diagnose.

Hier schwingt – wie im in die Mode gekommenen Begriff des Burn-Out – die Hypothese mit, dass der/die Betroffene erst wahnsinnig viel gearbeitet hat, um dann, sozusagen als logische Folge dieses zu-viel-Arbeitens ein handfestes Symptom zu entwickeln.

Keinesfalls ist man(n) zu schwach oder gar belastet durch irgendwas.

Auch unsere Sprache suggeriert, wenn wir buckeln, ein breites Kreuz haben oder eine Sache schultern bis stemmen, dass unsere Wirbelsäule eine ganze Menge aushalten muss.

Somit steckt im Symptom selbst schon die Entschuldigung für den – selbstverständlich vorübergehenden – Ausfall der Arbeitskraft. “Sorry Leute, ich hab mich überhoben.” Bildlich gesprochen.

Biomedizin vs. Biopsychosozial

Natürlich ist das Symptom “Rückenschmerz” auch ein Ausdruck eines sehr technischen, biomedizinischen Verständnisses vom Menschsein. Denn es enthält den Dualismus “Ich und mein Körper” ebenso wie die Loslösung des Körpersymptoms vom seelischen Erleben. Nach dem Motto: „Ich will ja arbeiten. Aber mein Körper macht nicht mit.“

Dieser Leib-Seele-Dualismus ist ein sehr westliches Phänomen. Anhänger*innen der alten Medizinsysteme des Ayurveda und der traditionellen chinesischen Medizin haben für die Idee, dass Leib (Soma) und Seele (Psyche) voneinander getrennt agieren könnten nur ein mildes Stirnrunzeln übrig.

Er hat auch Rücken. (Bild von Mohamed Hassan auf Pixabay)

Und auch wir Psychosomatiker*innen wissen schon sehr lange, dass Krankheiten sich nicht in “körperlich” oder “psychisch” unterteilen lassen. Jede Erkrankung hat körperliche und psychische und soziale Aspekte. Biopsychosozial nennt sich dieser Ansatz, Medizin zu denken.

Ein Beispiel: Ein Freund von mir, der seit Jahren unter einer rezidivierenden Depression leidet, beschrieb mir seine letzte depressive Episode so: “Ich habe erst gar nicht gemerkt, dass es wieder losging. Denn am Anfang war nicht die Stimmung vermindert. Aber ich hatte Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und ein Gefühl wie Muskelkater am ganzen Körper.”

Und auch bildgebende MRT-Untersuchungen an Patient*innen mit chronischem Rückenschmerz zeigten, dass sich zwar oftmals kleine Veränderungen der Bandscheiben zeigen, dass diese jedoch nicht ausreichen, um das Ausmaß der Beschwerden zu erklären. Vor allem für chronifizierende Prozesse ist die Mitwirkung psychischer Faktoren belegt.

Die ICD-10 hat sogar einen eigenen Diagnose-Code hierfür: F45.41 – Chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren.

[Ich würde sogar postulieren, dass JEDER chronische Schmerz in diese Kategorie passt. Schmerz ist immer mehr als ein paar Neurotransmitter, die durch Synapsen schwimmen. Am Ende des Schmerzverarbeitungsprozesses steht der anteriore cinguläre Cortex und hier wird bewertet und moduliert, was das Zeug hält.]

Was sagt es also über die deutsche Seele aus, dass es unbedingt ein technisches, ein arbeitsassoziiertes, ein nüchternes Symptom wie Rückenschmerz sein muss?

Psychodynamische Überlegungen zum Rückenschmerz

Psychodynamisch gibt es verschiedene Konzepte, Rückenschmerzen zu erklären, ich kann nur einige davon nennen:

  • Als klassische Konversion eines unbewussten seelischen Konflikts in ein Körpersymptom
  • Als Affekt-Äquivalent verdrängter Gefühle (zum Beispiel Wutattacke, Neid, Eifersucht)
  • Als Abwehr aggressiver Impulse, Schuld- und Schamgefühle im Gefolge kindlicher Traumatisierungen vor allem bei therapieresistenten Schmerzpatient*innen
  • Als passive Aggression gegen die Umwelt (wer viel klagt, der klagt implizit auch immer an)
  • Im Rahmen der narzisstischen Selbstwertregulation zur Vermeidung einer existentiellen Selbstwertkrise

Die psychodynamische Schmerzforschung zeigt, dass Menschen mit chronischen Rückenschmerzen oft Autoritätsprobleme, ein Helfer*innen-Syndrom und/oder eine Neigung zum Rivalisieren aufweisen. Es werden eher narzisstische Strukturen (Neigung zur Selbstidealisierung; Schwankung zwischen Omnipotenz und Ohnmacht; bei Frauen Hang zur Selbstaufopferung) von zwanghaften Persönlichkeitsmerkmalen (fehlende Flexibilität, Humorlosigkeit, Ängstlichkeit) unterschieden.

Die narzisstisch akzentuierte Überzeugung „Ich darf keine Schwäche zeigen“ passt recht gut zu der in Deutschland weit verbreiteten Neigung zum Präsentismus, also zur Arbeit zu gehen, obwohl man krank ist.

Und wie sieht es bei unseren französischen Nachbar*innen aus?

In Frankreich gibt es eine Krankheit, von der man in keinem anderen Land der Welt etwas weiß: die sogenannte Leberkrise. La crise de foie ist schon seit langem die unangefochtene Nationalkrankheit. Jede Französin, jeder Franzose wird so etwa fünf bis zehnmal in ihrem / seinem Leben davon befallen, vor allem im Nachgang eines ausgedehnten Fress- und Saufgelages, zum Beispiel nach den Réveillons zu Heiligabend.

Nach den Weihnachtsfeiertagen steigt die Inzidenz der Leberkrise sprunghaft an. (Foto von Terry Cnudde auf Pixabay)

Die Symptome der Leberkrise – rechtsseitige Oberbauchschmerzen, Völlegefühl, körperliche Schwäche und ggf. Übelkeit – sind am lebensnahsten dargestellt in dem 1968 erschienenen Comic „Asterix und der Avernerschild“.

In diesem Asterixband erleidet der Dorfchef Majestix nach einem zünftigen Festmahl (Wildschweine!) heftigste Oberbauchschmerzen, die so schlimm sind, dass er quasi bettlägerig ist. In einer zum Schreien komischen Szene drücken nacheinander mehrere Leute auf den Oberbauch, was der Mann mit der dicken Nase mit Schmerzgeheul und leidendem Gesichtsausdruck beantwortet. „Ja ja, die Leber,“ bemerkt der heilkundige Druide Miraculix wissend und schickt den leberkranken Häuptling auf Kur ins Avernerland, wo Majestix dank des deftigen Essens dort und einem unerschöpflichen Vorrat an verleugnenden, bzw. das Schlemmen idealisierenden Sprüchen („Ein Sößchen in Ehren kann keiner verwehren.“ „Ein Hörnchen Wein ist ungern allein.“) einen so üblen Rückfall erleidet, dass zuletzt die Berührung eines Eichenblattes ausreicht, um die Schmerzen zu evozieren.

Auch die Behandlung der Leberkrise wird bei Asterix sehr anschaulich dargestellt: absolute Abstinenz von Alkohol und fettigem Essen. Stattdessen gedünstetes Gemüse ohne Salz. Asterix und Obelix, die ihren Häuptling als Leibwache zur Kur begleiten, verursachen eine Meuterei unter den Kurgästen, weil sie vor den Augen der nur mühsam und eher lustlos fastenden Gallier*innen munter weiter dem Wildschwein und der Cervisia frönen.

Und abgesehen davon, dass Asterix einfach zu jeder Zeit ein lesenswertes Stück Comicgeschichte ist, ist die Diskrepanz zwischen dem preussisch-pflichtdurchdrungenen nationalen Rückenleiden der Deutschen auf der einen Seite und der mit vollstem Verständnis für Völlerei und Sauferei ausgelebten Leberkrise der Französinnen und Franzosen enorm. In Frankreich meldet man sich gern auch mal gleich die ganze Woche krank, ohne dass das jemand merkwürdig fände.

Es steht der anal fixierte Charakter des peniblen, pünktlichen Deutschen mit Jägerzaun, blitzblankem Auto und akkurater Rasenkante gegen das charmante und definitiv oral bis phallisch orientierte Savoir-vivre der Französinnen und Franzosen.

Abgesehen von der etwas holzschnittartigen Zuordnung halte ich es (in Kenntnis sehr verschiedener Vertreter*innen beider Nationen) für absolut plausibel, dass unsere Nachbar*innen lieber Foie gras, Grand cru und Verhüterli horten, als sich um die Beschaffung von Klopapier zu sorgen. Zumal die post-defäkatorische Intimhygiene in Frankreich ohnehin zum großen Teil via Bidet erledigt wird.

Achja: in den Niederlanden soll während der ersten Welle übrigens der Run auf die Coffee-Shops groß gewesen sein. Aber das ist wieder ein anderes Thema…

Weiterführende Literatur und mehr

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