Frei assoziiert

Neujahrsvorsätze

Eigentlich hatte ich es mir schon letztes Jahr vorgenommen. Aber dann habe ich erst gedacht, ich hätte noch genug Zeit, manchmal war einfach der Kopf nicht frei, dann kam diese ganze Corona-Scheiße und schließlich hab ich es ganz vergessen.

Deshalb nehme ich es mir für 2021 einfach nochmal vor. Ist das überhaupt erlaubt?

Es ist wohl das Schicksal von Neujahrsvorsätzen, dass sie früher oder später vergessen werden. Fitnessstudios verzeichnen rekordverdächtige Anmeldezahlen im Januar bei bereits im Februar wieder normalisierten Besuchszahlen. (Ketzerische Frage am Rande: Ob das in 2021 auch so sein wird?)

Menschen hören mit dem Rauchen auf, essen vegetarisch, hängen weniger auf Facebook rum – um schon zwei Augenblicke später wieder in ihr altes Verhalten zurückzufallen.

Als Psychotherapeutin und Ärztin kann ich bezeugen, dass es verdammt schwer ist, eine Gewohnheit zu ändern, sogar wenn diese Gewohnheit schädlich für die Betroffenen ist.

Daran ändert auch das ritualisierte gemeinsame magische Denken zu Silvester (“Nächstes Jahr wird garantiert ALLES anders”) nichts. Warum sollte es auch? Es ist letztlich nur ein Datum wie jedes andere.

Es ist wahrscheinlich eine sehr katholische Prägung, dass das Scheitern der guten Vorsätze nicht nur antizipiert sondern ebenso gemeinsam rituell zelebriert wird, wie das Vorsätze-fassen selbst: in unzähligen Zeitungs- und Blogartikeln (sic!) wird jedes Jahr aufs Neue die Wankelmütigkeit menschlichen Strebens analysiert, beklagt oder entschuldigt.

Deshalb will ich in die Klage jetzt nicht auch noch einstimmen.

Meine persönliche, völlig ungeprüfte und unpsychologische Theorie ist nämlich, dass die vermeintliche Unzuverlässigkeit der Menschen damit zusammenhängt, dass sämtliche populäre gute Vorsätze erstens vom kapitalistischen Credo der Selbstoptmimierung ausgehen (“Ich muss besser werden, als ich bin”) und zweitens Verzicht bedeuten.

Verzicht auf Süßigkeiten, Rauchen, Alkohol, Plastiktüten oder Fleisch. Und auch wenn ich jede einzelne dieser Verzichtserklärungen im Prinzip ganz okay finde, ist für mich eher wenig dabei – ich esse kein Fleisch, habe noch nie ernsthaft geraucht und betreibe einen Alkoholkonsum, der sich im Bereich homöopathischer Dosen bewegt. Zudem gebe ich zu bedenken, dass vielleicht der Jahreswechsel von 2020 auf 2021 ein ungeeigneter Zeitpunkt ist, um noch mehr Verzicht zu üben.

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber ich habe die Schnauze voll von Verzicht. Seit ich Minderjährige in meinem Haus wohnen habe, besteht mein Leben ganz überwiegend aus Pflicht und Verzicht.

Ich verzichte auf Schlaf, Freizeit, körperliche Unversehrtheit und ein fäkalienfreies Wohnzimmer. Corona setzt dem ganzen noch die Krone auf.

Daher hatte ich schon im letzten Jahr beschlossen, dass ich gute Vorsätze – wenn ich überhaupt welche fasse – nur noch positiv formuliere. Ich möchte nichts verlieren, sondern dazugewinnen. Es soll nicht um billige Selbstoptmimierung gehen, wenn auch völlig nutzlose künstlerische Erbauung möglich ist. Ja, Erbauung. Mein Vorsatz soll mehr Kultur in mein trübes Leben bringen!

Ich will es ehrlicherweise schon seit vielen Jahren und 2021 wird es endlich passieren: ich werde den “Schwur der Friesen” auswendig lernen!

Von allen Werken der deutschen Literatur ist dieses wie kein anderes geeignet, Licht und Freude in ein bereits jetzt vom alten überschattetes neues Jahr zu bringen.

“Der Friesenschwur kennt keine Eile, der Friesenschwur hat tausend Teile.”

Der Friesenschwur, Zeile 1-2

So heißt es direkt zu Beginn von diesem schüttelgereimten Epos. Und ist das nicht ein in seiner unzeitgemäßen Langmut (“keine Eile”) und Komplexität (“tausend Teile”) ein gerade deshalb in unsere Zeit passender Gedanke, der Geduld und Verständigkeit preist?

“Am Friesenwesen soll genesen, was in Friesenland gewesen […] aufm Deich und unterm Tresen.”

Der Friesenschwur, Zeile 5-8

Um das in Coronazeiten so wichtig gewordene Wort “genesen” drapiert unser Autor hier die zentralen Begriffe “Friesenland”, “Deich” und “Tresen”. Und es fällt wie Schuppen von den Augen: um das allegorische Friesenland zu retten ist ein Deich denkbar ungeeignet. Die Welt braucht mehr Tresen, an und unter denen wir Freundschaft und Verständigung üben können. (Zur Zeit natürlich mit Maske und Abstand).

“Wer einmal diesen Aal gefasst, […] der sei bei jeder Feier Gast.”

Der Friesenschwur, Zeile 9-13

Was anderes möchte der hellsichtige Autor uns hier mitteilen, als Zuversicht? Bald werden wir wieder feiern und Gäste haben, wenn dieses lästige Virus überlistet ist. Sogar die ganz Dusseligen kommen auf ihre Kosten: einfach Aal anfassen statt impfen.

Das der gesamte Text in einem größeren, nahezu kosmischen Zusammenhang zu sehen ist, zeigt sich schon daran, dass er in dem Weltklasse-Film “Otto, der Außerfriesische” (1989) zitiert wird, unmittelbar nachdem es heißt “Du musst die Heimat retten”!

Kurzum, es handelt sich um das ideale lyrische Werk für meinen guten Vorsatz. Prägnant, tiefgründig und erbaulich.

Heute in einem Jahr wird das Gedicht (mitsamt seiner tiefgründigen Botschaft) in mein Fleisch und Blut übergegangen sein. Ganz bestimmt.

“Drum schwör’n wir ein für alle Mal den Friesenschwur beim heil’gen Aal.”

Der Friesenschwur, Zeile 16-17

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