Aus meinem Lesetagebuch

Intermezzo

Buchrezension: Sally Rooney – Intermezzo

„Yes I would like to live in such a way that I could vanish into thin air at any time without affecting anyone. At the same time I want desperately to be loved.“

Intermezzo von Sally Rooney ist ein leiser, unglaublich kluger Roman über zwei Brüder, die nach dem Tod ihres Vaters versuchen, mit Trauer, Liebe und sich selbst zurechtzukommen: Während der äußerlich erfolgreiche Anwalt Peter in einem eher unreifen Dreiecks-Beziehungsgeflecht feststeckt, erlebt der introvertierte Ivan, der bis dahin ein Dasein als ewiges Schachwunderkind fristete, unerwartet emotionale Nähe bei einer älteren Frau, die sein Leben verändert.

Sally Rooney: Intermezzo. Cover: Claassen / Ullstein Buchverlage

Dabei könnten die Brüder kaum unterschiedlicher sein. Zwischen dem zehn Jahre älteren Peter und Ivan liegen alte Kränkungen, Konkurrenz und jede Menge gegenseitiges Unverständnis. Der Tod des Vaters bringt sie nicht näher zusammen, sondern destabilisiert das ohnehin fragile Gleichgewicht ihrer Beziehung und lässt zunächst gerade das hervortreten, was zwischen ihnen schon lange nicht mehr funktioniert. Und auch in ihren Liebesbeziehungen zeigen sich sehr unterschiedliche Versuche, mit Nähe und Abhängigkeit umzugehen: Peter schwankt zwischen seiner großen, durch Schuld und Verlust nahezu unerreichbar gewordenen Liebe Sylvia und der deutlich jüngeren Naomi, mit der er scheinbar unkompliziert Sexualität ausleben kann, seine eigene Bedürftigkeit jedoch hinter einem Pseudoarrangement verleugnet. Sein Begehren bleibt dabei eigentümlich an Ambivalenz gebunden: an Nähe und Rückzug, Idealisierung und Entwertung, Fürsorge und den Wunsch, selbst gehalten zu werden.

Ivan dagegen erlebt mit Margaret eine zunächst unerwartete Form von Intimität, die weniger von Abwehr und Inszenierung geprägt scheint. Besonders entlarvend ist Peters Empörung über Ivans Beziehung zu Margaret: Während er selbst mit der deutlich jüngeren Naomi zusammen ist, empfindet er die umgekehrte Alterskonstellation als problematisch. In dieser Doppelmoral spiegeln sich gesellschaftliche Geschlechternormen ebenso wie Peters Schwierigkeit, seinen jüngeren Bruder als erwachsenen, begehrenswerten Mann anzuerkennen.

Rooney schreibt so präzise über Beziehungen und die Missverständnisse zwischen Menschen, dass man sich ständig ertappt fühlt. Aus leisen Momenten und scheinbar alltäglichen Gesprächen wird eine bewegende Geschichte über Verlust, Sehnsucht und die Schwierigkeit, anderen wirklich nahe zu kommen.

Nicht alle dieser Innenschauen haben mich allerdings gleichermaßen gepackt; manches wird sehr ausführlich durchdacht, wiederholt und aus verschiedenen Perspektiven umkreist, sodass der Roman für mich zwischendurch an Spannung verliert. Vielleicht liegt es auch daran, dass Rooney sich hier noch stärker als in ihren früheren Büchern für die inneren Bewegungen ihrer Figuren interessiert als für das, was zwischen ihnen geschieht. Normal People hatte mich deshalb unmittelbar mehr berührt. Trotzdem – oder vielleicht gerade wegen dieser Beharrlichkeit – ist Intermezzo ein bemerkenswert genauer und schöner Roman über Trauer, Liebe und die komplizierten Wege, auf denen Menschen zueinanderfinden.

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